Tag 12 in Bonn
Nach zwölf Tagen Verhandlungsmarathon gehen die Klimaverhandlungen der UN in Bonn zuende. Nun zieht der Zirkus weiter – bis nach Kopenhagen.
Es herrscht Aufbruchstimmung auf der Konferenz. Allerdings nicht etwa hin zu einem fairen Deal gegen den Klimawandel, sondern bloß nach Hause. Die Delegierten überstehen müde die letzten Abschlussplena, die Vorsitzenden beschließen die letzten Sitzungen mit einem letzten Hammerschlag, die Stände in der Lobby verteilen die letzten Flyer und bauen ab. Und offenbar sind alle froh, dass es vorbei ist: Die Delegierten beklatschen erleichtert die Abschlusszeremonie und greifen nach Hut und Mantel und im Pressezentrum herrscht schon gähnende Leere, obwohl die Abschlusskonferenzen der NGOs und einiger Delegationen nach anstehen.
Merkt denn hier eigentlich niemand, was passiert? Oder vielmehr was nicht passiert? Denn schon wieder sind zwei Wochen der Debatten um – bis nach Kopenhagen sind es nun nur noch knapp vier Wochen Verhandlungszeit – und das alles, ohne dass wirklich etwas erreicht wurde. Noch immer streiten Industrie- und Schwellenländer darüber, wer wieviel zu Emissionsreduktionen beitragen muss und keiner hat sich auch nur um einen Millimeter bewegt. Noch immer gibt es keine Einigung über Finanzierungsmechanismen von Anpassungs- und Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern, es scheint sich nicht einmal eine anzubahnen.
Selbstverständlich, es hat sich etwas bewegt in den vergangenen zwei Wochen: Die Verhandlungstexte der Arbeitsgruppen haben sich in ihrem Umfang verdoppelt, stecken aber immer noch voller Klammern, die anzeigen, dass es noch keine Einigung über den entsprechenden Punkt gibt. Die Japaner haben ihr nationales Reduktionsziel bis 2020 veröffentlicht, das zwar nur marginal über die Kyoto-Zusagen hinausgeht, sich aber als ganz großer Deal präsentiert. China und die USA führen weiter bilaterale Geheim-Gespräche, ohne dass ein Wort davon an die Öffentlichkeit dringt und Hoffnung auf Bewegung in der festgefahrenen Debatte macht. Und am vorletzten Tag erklären Klimaforscher, dass die Zusagen der Industrieländer, die momentan auf dem Tisch liegen, nie und nimmer reichen werden, um den globalen Temperaturanstieg auf weniger als zwei Grad zu begrenzen.
Obwohl gerade in den letzten Tagen mehr und mehr Aktionen und Demonstration in und vor dem Konferenzgebäude stattgefunden haben, herrscht eine erschreckende Schläfrigkeit. Ordentlich wird die Tagesordnung abgearbeitet und was man heute nicht schafft, weil wieder einmal zu viel diskutiert wird, die Fakten falsch wiedergegegeben oder gleich ganz ignoriert werden, das wird eben morgen gemacht. Ich bin sicher, dass ich nicht die Einzige bin, die da zuweilen ein großes Bedürfnis nach lautem Schreien überkommt, wenn die Fragen nach dem Überleben heutiger und zukünftiger Generationen so diskutiert werden. Selbst die NGO-Mitglieder, die zwischen den Sitzungen auf die Delegierten einwirken wollen, lassen sich zuweilen kaum noch von diesen unterscheiden, weder optisch noch inhaltlich. Auf beiden Seiten ist man da zum Teil mit winzigen Fortschritten zufrieden. Mit Trippelschritten zu einem fairen Deal? Dafür wird die Zeit nicht reichen. Noch drei “Intersessionals” wie die vergangenen zwei Wochen wird es vor Kopenhagen geben, dann muss alles stehen.
Damit Ende des Jahres tatsächlich ein Klimaschutz-Abkommen entstehen kann, das wirksam und gerecht ist, muss also noch eine Menge Schwung in die UN kommen. Das bedeutet viel Arbeit für Umweltorganisationen, Aktivisten und Bürger: Wir brauchen Aufmerksamkeit für das, was in Kopenhagen auf dem Spiel steht und sehr viel Druck auf die Verhandlungen – denn ein Scheitern dort wäre katastrophal.
Im Abschlussplenum der größten Arbeitsgruppe haben sich die jungen Aktivisten oben auf der Tribüne versammelt. In dem Moment, in dem der Vorsitzende die Veranstaltung abschließt, fangen sie an zu klatschen, zu trampeln und zu rufen: “Survival is at stake – cut emissions now!” Die Delegierten blicken erschrocken auf und klatschen hinterher höflich. Dann packen sie ihre Unterlagen, Computer und Kaffeetassen ein und eilen aus dem Saal. Einer ist froh, dass “alles so schnell über die Bühne ging. Ich dachte schon, ich müsste den Nachtzug nehmen.”
FOTO: ZOE CARON


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