Klimakonferenz in Durban, Süd-Afrika: Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info, hat sich auf den Weg gemacht. “Ich will mich Afrika auch mit meinem Gefühl nähern”, sagt er – und reist einen Teil der Strecke mit Zug, Bus, Matatu oder Tuktuk.
Klimakonferenz in Durban, Süd-Afrika: Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info, hat sich auf den Weg gemacht. “Ich will mich Afrika auch mit meinem Gefühl nähern”, sagt er – und reist einen Teil der Strecke mit Zug, Bus, Matatu oder Tuktuk.
![]() Mombassa, Kenias größte Hafenstadt am Indischen Ozean: Im Hafen laufen auch die deutschen Kriegsschiffe ein, die am Horn von Somalia gegen Piraten kämpfen. „Hakuna Matata!“ – nun mach mal halblang, „alles kein Problem“. Es ist Mittag in Mombasa, das Thermometer zeigt 37 Grad. Kenias größte Hafenstadt liegt auf einer Insel ganz im Südosten des Landes, die Touristen haben durchgeschwitzten Hemden. Auf den Straßen stehen noch die Pfützen, die Luft ist unglaublich feucht. „Regen zu dieser Zeit, das ist absolut ungewöhnlich“, sagt Charles, der früher einmal im Hotel gearbeitet hat, aber entlassen wurde, weil er zu alt sei. In der Nacht war ein gewaltiger Platzregen über Mombasa niedergegangen, trotzdem ist Charles noch in der Dunkelheit aufgebrochen. 14 Kilometer läuft er jeden Tag von zu Hause, um hier an der Moi Road Touristen abzupassen. Regen im März, ja. Im September auch noch. „Aber im November?“ Charles versteht die Welt nicht mehr. Deutsch spricht der alte Herr, englisch natürlich, französisch auch. „Charles hilft, und er hilft gern“, sagt der angegraute Herr. Das Postamt? Ein Busticket? Eine Stadtführung? Ein Laden, in dem es Bier gibt? „Der Großteil von Mombasa ist muslimisch“, erklärt Charles, da sei es schwierig welches zu bekommen. Aber Charles weiß natürlich trotzdem Rat. Die Touristen danken ihm mit kleinen Trinkgeldern. So schlägt sich Charles durch. ![]() Einst von den Arabern begründet, ist die Altstadt auch heute noch sehr muslimisch geprägt. Die Araber kamen Ende des 16. Jahrhunderts. „Sklaven haben sie gemacht, das Fort gebaut und den Hafen“, erläutert Charles. Die Briten kamen erst im vergangenen Jahrhundert. Mombasa hat an vielen Orten deshalb immer noch ein sehr arabisches Gesicht. Derzeit sind die Muslime nicht besonders gelitten. Kenia befindet sich im Krieg mit moslemischen Extremisten in Somalia. Die Montagszeitungen vermelden den Tod von neun Extremisten, Kenia hatte eine Offensive gestartet. ![]() Die Straßen sind eng und eher verkehrsberuhigt. Der Konflikt ist aber mittlerweile in Kenia selbst angekommen. Vergangene Woche warfen muslimische Extremisten eine Handgranate in die Pfingskirche in Garissa keine 200 Kilometer nördlich, zwei Menschen starben. Ende Oktober war die Hauptstadt Nairobi Ziel zweier Anschläge, die ebenfalls auf das Konto extremer Moslems geschrieben werden. Die USA gaben inzwischen eine Terrorwarnung aus. Tatsächlich ist der Krieg auch nach Mombasa gekommen: Jene Kriegsschiffe, die gegen die Piraten vor der somalischen Küste ausrücken, sind hier stationiert. Auch die deutschen. ![]() Das ist im modernen Mombasa ganz anders: Tuktuks bestimmen hier den Takt der Stadt. Die Zeitungen berichten auch über Menschenleben, die dem Regen zum Opfer fielen. Im Landstrich Pokot im Westen hat eine Schlammlawine einen Vater und seine zwei Kinder begraben, 700 Menschen verloren durch die Wassermassen ihre Häuser. Auch im zentralen Distrikt Biringo und in Marakwet hat es an diesem Wochenende wieder Opfer gegeben. Mitten in der Trockenzeit. ![]() Vor allem heißt es „Hakuna Matata!“ - nun mach mal halblang, „alles kein Problem“! „Immerhin hat der Regen die Straßen geputzt“, sagt Charles und grinst. „Hakuna Matata“ also wie es auf Kisuaheli heißt, mach mal langsam, kein Problem. Dabei sind die Straßen entweder immer noch oder schon wieder zugemüllt. Legt man öffentliche Dienstleistungen wie das Transportwesen oder die Müllabfuhr als Maßstab an, muss Mombasa ganz schön arm sein. Die Stadt hat einen ganz eigenen Klang, so wie wenn man Luft durch die Lippen bläst und diese aufeinanderploppen: Prprprprp. Taktgeber sind die Tuktuks, die dreirädrigen Motordroschken, deren Motoren ganz anders klingen, als Motoren, die wir kennen. Eben Prprprp. Tuktuks sind Haupttransportmittel, dazu kommen die Matatus – private Minibusse, die ein öffentliches Bussystem ersetzen. ![]() Wobei schwülwarme 37 Grad im Schatten automatisch das Tempo bestimmen. „Du solltest hier vorsichtig sein. Taschendiebe“, warnt Charles auf dem Busbahnhof. Eine Meute von Tickethändlern bietet vor den Schaltern Passagen an, vermutlich sind einige unechte dabei. Aber Charles weiß Bescheid: „Du solltest lieber nach Nairobi fahren! Tansania ist viel zu arm!“ Die letzte Klimakonferenz in Afrika fand 2006 in Nairobi statt. Damals musste die Tagung der Weltklimadiplomaten unterbrochen werden, weil es derart stark regnete, dass die Teilnehmer ihr eigenes Wort nicht mehr verstanden. Eine gewaltige Flutwelle tobte über jahrelang ausgedörrten Boden Richtung Indischer Ozean – und riss 2.000 Menschen in den Tod. In einer Gegend, in der es damals sieben Monate lang nicht geregnet hatte, waren viele Menschen ohne Chance. „Mit dem Klimawandel hat das nichts zu tun“, schrieb damals Kenias führende Zeitung. Das Land brauchte mehrere Jahre, um die weggespülten Brücken, Häuser, Straßen wieder aufzubauen. ![]() Fort Jesus - und der natürliche Hafen - haben die Bedeutung Mombasas geprägt. „Hakuna Matata!“, sagt Charles, wenn es denn unbedingt Tansania sein soll! Er wünscht eine gesegnete Fahrt. Er selbst muss jetzt los, 14 Kilometer nach Hause, damit er morgen die 14 Kilometer pünktlich zurück ist. „Charles hilft, und er hilft gern“, sagt er und sein ganzes Gesicht ist Lachen. Was sollten die Touristen schließlich auch ohne ihn in Mombasa machen? Wenn es bloß nicht wieder so regnet! Der Himmel über Mombasa hat sich dunkel verfärbt. Charles sagt: „Regen im November! Sowas gibt’s doch gar nicht!“ ![]() Matatu - die Minibusse, die den städtischen Verkehr übernommen haben, werden oft von waghalsigen "Marktschreiern" begleitet. Im Hintergrund übrigends Mombasas bestes Hotel, vor dem Charles immer wartet. Fotografieren lassen wollte er sich nicht - auch nicht gegen Geld.
Heute Station 2, kurz vor Dar es Salaam.
![]() Zuerst haben die Beifahrer die Räder fest gezogen. Maxie Matthiessen handelt mit Binden. Mit Damenbinden. „Viele Kenianerinnen können sich keine Tampons leisten. Das ist beispielsweise für Mädchen schlimm. Sie gehen dann nicht in die Schule, verpassen den Lehrstoff und verlieren den Anschluss“. Maxis Geschäftsidee scheint bestechend einfach: ein Tampon fürs ganze Leben. „In den USA gibt es so etwas schon: Der ‘Menstual Cup‘, eine Art hygienischer Auffangbehälter, wird vor der Menstruation eingesetzt, bei Bedarf ausgelehrt und nach der Regel desinfiziert“. So könne er jeden Monat aufs Neue eingesetzt werden. Mit zwei Däninnen hat Maxie Matthiessen in Kenias Hauptstadt Nairobi in diesem Sommer eine Firma gegründet. „Unser Produkt heißt ‘Ruby Cup’“, sagt Matthiessen. Nähen lassen die Jungunternehmerinnen ihren „Auffangbehälter“ in China, das ermöglicht es ihnen, ihre ‘Lebensbinde’ für um die fünf Dollar anzubieten. Das amerikanische Gegenstück kostet das Fünffache. ![]() Dann drängte sich der Bus auf der Fähre zum Festland. „In Zukunft wollen sie natürlich in Kenia produzieren“, erklärt die 27-Jährige. Aber jetzt ist erst einmal Urlaub. Zehn Tage hat sich Maxie genehmigt, ihre Freundin Bentje ist aus Köln gekommen. Der Bus rumpelt ganz im Südosten Kenias Richtung tansanischer Grenze. 6 Uhr ist er in Mombasa aufgebrochen, gut 500 Kilometer sind es bis nach Dar es Salaam. Maxie und Bentje reisen „Royal Class“, wie die Reklame auf dem Toyota aus den 70er Jahren verkündet. „Simba“ heißt die Linie – so wie der Löwe auf Suaheli. Die Königsklasse besteht darin, sich im heißen, dichtgedrängten Bus zu entspannen. ![]() Üppiges Grün vor der Grenze zu Tansania. Rechts und links der Straße wuchert jetzt üppiges Grün. Kein Regenwald, den gibt es hier längst nicht mehr. Aber das, was da wächst, lässt sich vielleicht mit einem deutschen Kiefernwald vergleichen. Der ist ja auch erst sehr viel später an die Stellen der abgeholzten Urwälder gepflanzt worden. Zwischendrin immer wieder Farmer mit ihren Hütten, die der roten Erde Erträge abzutrotzen suchen. Maxie sagt, sie sei echtes 68er-Kind. „Meine Eltern waren Hausbesetzer in Westberlin. K-Gruppen, politische Agitation, jedes Wochenende irgendwo ‘ne Demo – das ganze Programm“. Irgendwann seien die Aussteiger dann ausgestiegen – zumindest aus Berlin. Im Norden Schleswigs gründeten sie eine Kommune. „Als ich 16 war, sammelten die Nachbarn für das Flüchtlingslager“, erinnert sich Maxie. Die Nachbarn waren Pakistaner. Und sie sammelten kein Geld, sondern Damenbinden. Das hat Maxie Matthiessen beeindruckt. „Mir ist bewusst geworden, was es bedeuten kann, kein Tampon zur Verfügung zu haben.“ Das hat sie nicht mehr losgelassen. ![]() Löwenbändiger: In der Mitte sitzt "Obama". Einer der Beifahrer hat „OBAMA“ auf seinem Shirt stehen. Der erste US-Präsident mit dunkler Hautfarbe hat vermutlich mehr Fans in Kenia als derzeit in seinem Land. Die Leute tragen seinem Namenszug auf Taschen, Schirmen, Kleidungsstücken. Nur Didier Drogba, der Fußballer, scheint noch beliebter. „Pole, pole“, ruft Beifahrer Obama, also jetzt bitte „langsam, langsam“, der Bus hat die tansanische Grenze erreicht. Alles aussteigen, die Formalitäten am kenianischen Behördenfenster erledigen und dann zu Fuß hinüber zu den Tansanianern. „Sie haben ihre Impfkarte dabei, Fräulein?“, fragt ein ausgesprochen liebenswürdiger Beamter in Tansania. Maxie Matthiessen hat nur eine Kopie. „Es tut mir leid, aber das müssen wir prüfen“, säuselt der Beamte. Einreisen in Tansania darf nur, wer gegen Gelbfieber und ein paar andere unangenehme Krankheitsbilder der Tropen geimpft ist und das auch nachweisen kann. Kann er es nicht, wartet in der Krankenstation gegenüber die Nadel. ![]() Und an der Grenze gab es dann Freundlichkeit pur. Aber mit Maxies Impfkopie scheint alles in Ordnung, ein zweiter Beamter leitet den Visaantrag in die Wege und freut sich, „dass Sie uns mal besuchen“. Mit einem „Herzlich willkommen“ überreicht schließlich eine dritte Beamtin freudestrahlend das Visa – Tansanias Grenzbeamten dürften die freundlichsten der Welt sein. Auch wenn ihnen der Unterschied von Dollar und Euro nicht bekannt ist – 50 kostet die Einreise, Dollar wie Euro. Hinter der Grenze baut Tansania eine neue Straße. Der alte Bus schnauft und heult die Ersatzpisten bergan, immer noch glüht es neben den Straßen grün. Fast alle Afrikaner im Bus schlafen, Maxie und Bentje schwitzen um die Wette. Gegen Mittag ist das Ende der Baustelle erreicht – ab jetzt sind die Straßen so gut wie in Deutschland. Die verbleibenden 300 Kilometer sollten jetzt kein Problem mehr sein. ![]() In Tansania sind die Straßen erstaunlich gut. Und wo nicht, wir an ihnen gebaut. „Als ersten Schritt haben wir eine Sozialstudie durchgeführt“, erzählt Maxie Matthiessen. In Vorträgen hätten sie ihr Produkt in Kenia vorgestellt. Würden die kenianischen Frauen überhaupt zu so einem lebenslangen Tampon greifen? Gibt es vielleicht eine kulturelle Schwelle? „Am Ende dieser Vorträge fragten die Frauen immer: Wo gibt es so etwas zu kaufen“, sagt Maxie, die „soziales Unternehmertum“ in Kopenhagen studierte. Also hat sie und ihre Mitstreiterin 20.000 Euro eigenes Geld auf den Tisch gelegt und noch einmal 20.000 Euro vom schwedischen Pedant der GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) dazu bekommen. Der Plan ist, eine Art Tupperware für Damenbinden in Kenia aufzuziehen. „Wir bieten ein Paket: Das Produkt plus Ausbildungs- plus Aufklärungsmaterial“. Verkaufen sollen nämlich die Kenianerinnen selbst unter ihresgleichen. Dies sei effektiver und vertrauenswürdiger. Dummerweise gibt es ein paar Hürden. Das „Kenya Buero of Standarts“ – eine Art Zulassungsbehörde – zeigt keinerlei Anstalten, ‘Ruby Cup’ genehmigen zu wollen. In China werde bereits produziert, im Januar ist das Geld alle. „Ohne Genehmigung können wir nicht starten“. Scheint so, als müssten die Frauen noch länger auf die „Einmalbinde“ warten. Immerhin hält der Bus in Tanga, und Maxie kann endlich mal auf die Toilette. Zuerst aber muss sie sich durch einen Pulk Tansanianer kämpfen, die ihr ein Taxi, Nüsse, Limo, eine Unterkunft, Kugelschreiber oder Avocadostückchen verkaufen wollen. Es ist ein heilloses Durcheinander rund um den Bus mitten in sengender Mittagshitze. Das Schauspiel wird sich ab jetzt bei jedem Halt wiederholen. ![]() Wann immer der Bus hält, wird er von fliegenden Händlern umwimmelt. Hinter Tanga muss der Bus auf eine Waage. Vermutlich wird eine Art Maut in Tansania nach Gewicht berechnet. Alle halbe Stunde hält jetzt der Bus an Checkpoints der Polizei, die enorm präsent ist. Die Straßen sind noch immer blendend, vor und in den Dörfern sind Huggel eingebaut, die zu Tempo 50 zwingen sollen. Geblitzt wird auch, den „Simba“ erwischt es gleich zweimal. Der Verkehr wird jetzt dichter, der Bus versucht oft gewagte Überholmanöver. Dann wird das Land plötzlich öd und eintönig. Ist vielleicht der Sozialismus Schuld? Die Kibbuziner? Oder die Kommunarden? Julius Nyerere, immer noch als „Baba wa Taifa“ – als „Vater der Nation“ – verehrt, hatte nach der Unabhängigkeit von England 1967 als erster Staatschef Tansanias „Ujamaa“ ausgerufen – Gemeinschaft und Brüderlichkeit. Praktisch sollte das so umgesetzt werden, dass die Tansanianer in neue Dörfer umgesiedelt wurden, die sich selbst verwalten und versorgen sollten. Einerseits mussten die neuen Dorfbewohner ihre eigenen Schulen, Wasserwerke, Gemeinschaftsküchen, Krankenhäuser aufbauen und andererseits auf den Gemeinschaftsfeldern arbeiten. Nur wer danach noch Kraft hatte, konnte auch auf dem eigenen Feld anbauen. 8.000 Dörfer enstanden so bis in die 70er Jahre, neun Millionen Menschen wurden umgesiedelt. Doch der kühne Kibbuz-Plan verursachte Tansanias erste ökologische Katastrophe: Die Böden laugten wegen ihrer intensiven Bewirtschaftung schnell aus, es musste neuer Regenwald gerodet werden, um die Dorfgemeinschaft zu ernähren. Das entzog dem Wasserspeicher Wald das Wasser, weshalb neuer Wald gerodet werden mussten, weil die unbewässerten Flächen weniger Ertrag abwarfen. Ein sich selbst beschleunigender Kreislauf: „Ujamaa“ musste abgeblasen werden, mit Folgen bis heute. Unbebaute öde Flächen, ausgetrocknete Brunnen und lange Erosionsrinnen im Boden verraten noch heute, wo der tansanianische Sozialismus „Ujamaa“ einst probiert wurde. ![]() Maxie (rechts) und und Bentje nennen das Urlaub. „Natürlich bin ich von meinen Eltern geprägt“, sagt Maxie. Aber doch nicht so! Helfen will sie, „aber ich will auch Geld verdienen“. Mit ihrem ‘Ruby Cup’ könne sie beides – wenn die Behörden sie denn ließen. Es ist kurz vor sechs, der Bus gleich 12 Stunden für schlappe 500 Kilometer unterwegs. Bentje stöhnt, dass sie nicht mehr sitzen kann. In Mombasa hatten die beiden in einer luxuriösen Unterkunft ein bisschen über die Verhältnisse gelebt. Jetzt wollen sie in Dar es Alam zelten. Schon legt sich die Dämmerung über die Straße und der Bus fährt immer noch. Er röhrt und röchelt und schnauft und kreischt. Und dann wird es plötzlich ruhig. Dar es Salaam, die heimliche Hauptstadt Tansanias, kann nicht mehr weit sein. Aber „Simba“ – der Löwe – gibt keinen Mux mehr von sich.
![]() Die St. Josephs-Kathedrale an der Hafenstraße ist bis heute eine der größten Kirchen Ostafrikas. Ginge es nach den Deutschen, wäre Dar es Salaam Hauptstadt Tansanias. Wobei das unpräzise ist: Dar es Salaam wäre nur die Hauptstadt Tanias. Denn der Name Tansania setzt sich aus den Ländern Tanganyika, Sansibar und Azania zusammen. Und Sansibar, ein wehrhaftes Sultanat auf der gleichnamigen Insel, war nie unter deutscher Besatzung. Aber es geht ja ohnehin nicht mehr nach den Deutschen: Tansanias Hauptstadt heißt Dodoma.
Die Stadt Dar es Salaam klingt wie ein riesiger Insektenschwarm, es brummt und summt und zirpt und zilpt. Das liegt an der staatlichen Stromversorgung: Stromausfall ist in Dar es Salaam die Regel und dann springen die privaten Dieselgeneratoren an, um wenigstens eine Notstromversorgung zu gewährleisten. Große Bürogebäude haben große Diesel, die wie Hornissen brummen. Die kleinen Aggregate der Läden summen eher wie die Bienen. Die schicken Einkaufspassagen haben moderne Notstromaggregate, die wie Schwebfliegen klingen. Es gibt aber auch alte, die schwerfällig brummen wie die Maikäfer. ![]() Zipp, sapp, zipp, sapp – die Straßenverkäufer lassen ihre Münzen in den Händen hin und her rollen. Dazu kommen die Münzen der Straßenverkäufer. Um dem beschwerlichen Auskommen als Bauer zu entfliehen, drängt es immer mehr junge Männer in die Stadt. Der Siedlungsdruck ist enorm, selten finden sie eine Arbeit, obwohl überall Wolkenkratzer aus dem Boden sprießen. Deshalb ziehen sie mit Zigaretten, Bonbons, Kulis, Wasser, Nüssen oder anderem Kleinkram durch die Straßen. Sie preisen ihre Waren nicht lauthals an, sondern lassen die Münzen als Verkaufsargument rhythmisch durch die Hände gleiten, zipp, sapp, zipp, sapp, hin und zurück. Im Dar es Salaamer Insektenschwarm geben sie die Grillen. 1891 hatte die kaiserliche Kolonialverwaltung ihren Sitz von Bagamoyo nach Dar es Salaam verlegt. Der Hafen in Bagamoyo war für die neuen Dampfschiffe nicht tief genug. Dar es Salaam war bis dato eine kleine Fischersiedlung, zuerst wurde mit deutscher Gründlichkeit geplant und dann gebaut. 1892 wurde mit dem Bau des Postgebäudes und der kaiserlichen Regierungsgebäude begonnen, 1898 mit der neugotischen St. Josephs-Kathedrale und der evangelischen Lutherkirche. Der Bahnhof und die gesamte Hafenstadt waren 1906 fertig, Dar es Salaam sollte von nun an eine erste Blüte erleben. ![]() Das Gebäude des „Deutschen Klubs“ - heute ein Gericht. Bis dato hatte die Kolonie “Deutsch-Ostafrika” die kaiserliche Staatskasse nur belastet. Ständig gab es Aufstände, ständig Konflikte mit den Belgiern im Kongo und den Briten an den anderen Grenzen. Und auch der Sultan von Sansibar setzte den Deutschen mächtig zu. Mit über 1.000 Mann im Sold versuchte die “kaiserliche Schutztruppe” ihre Hoheit zu erhalten. Um die Westgrenzen der Kolonie zu sichern, brachten tausende Träger zwei Dampfschiffe durch den Dschungel über hunderte Kilometer auf den Tanganyika- und den Nyasa-See – zerlegt in ihre Einzelteile. Allein die Trägerlöhne ließen die Kolonialkosten explodieren. Denn es war preußisch festgelegt, wie ein Träger zu belasten sei: nicht mehr als 30 Kilometer am Tag, nicht mehr als 30 Kilogramm und das auch nur bei gutem Wetter und ebenerdigem Gelände. Rohstoffe wie Kautschuk, Tee oder Kaffee über weite Strecken aus dem Landesinneren zum Hafen Dar es Salaam zu transportieren – das war so schlechterdings unwirtschaftlich. Das Deutsche Reich zahlte für seine Kolonie, zurück kam aber wenig. ![]() Segelkunst der Araber: Bis heute sind auch diese Wurzeln in Dar es Salaam – hier am Hafen - präsent. Der Konflikt mit dem Sultan konnte immerhin 1890 mit dem sogenannten Sansibar-Helgoland-Abkommen befriedet werden. Die Deutschen traten den Briten das Königreich von Buganda ab, das heute Teil von Uganda ist. Die Briten versprachen im Gegenzug den Sultan zu besänftigen und lockten Kaiser Wilhelm mit der Insel Helgoland. Der Kaiser tappte in die Falle. Die Briten erlangten durch den Deal einen afrikanischen Einflussbereich, der ab sofort von Kapstadt bis nach Kairo reichte. Das reichste Königreich Ostafrikas im Tausch gegen eine Badewanne in der Nordsee, stöhnten damals deutsche Kolonialisten. Immerhin: Hätte es den Handel nicht gegeben, Helgoland wäre heute britisch. Mit deutschen Offshore-Windparks wäre es dann Essig: Das Meeresgebiet, in dem die Parks gebaut werden sollen, wäre nicht unter deutscher Kontrolle, sondern britisches Hoheitsgewässer. ![]() Damit wurde es möglich die Natur auszubeuten: der „deutsche“ Bahnhof von Dar es Salaam. Erst mit dem Bau der Eisenbahn begann “Deutsch-Ostafrika” Geld in die kaiserlichen Kassen zu spülen. 1912 waren die Gleise bis zum Kilimanjaro mit seiner fruchtbaren Erde verlegt, 1914 der Tanganyika-See angeschlossen. Jetzt konnten die Farmer billig ihre Produkte nach Deutschland liefern. Der Grundstein für die Ausbeutung der Natur: Am Kilimanjaro sollen unter den Deutschen 1913 bereits 106.000 Hektar Regenwald brandgerodet worden sein, um Kautschuk, Sisal oder Baumwolle anzubauen, Waren im Wert von 89 Millionen Reichsmark erreichten Deutschland, damals eine unglaublich große Summe. 10 Prozent des Verbrauches von Öl- und Pflanzenfetten wurden vor dem ersten Weltkrieg aus Ostafrika gedeckt. Dar es Salaam war jetzt Handelsmetropole, Afrika begann zu bluten – nun auch für Deutschland. Fast 100 Jahre später ist Tansania ausgeblutet. “Wie viele Menschen sind zu viele?”, fragt die Dar es Salaamer Zeitung The Citizen. Zwei Seiten lang umschreibt der Autor, dass etwas getan werden muss gegen die Bestie Mensch in uns. Auf Seite 17 werden die Auswirkungen des Klimawandels auf Frauen debattiert. Titelthema ist der Kilimanjaro, der es nicht in die Liste der 7 Weltwunder der Natur geschafft hat – sondern nur 14. wurde. Weil doch demnächst die Gletscher weggeschmolzen sein werden. Auch fast 100 Jahre später ist die deutsche Vergangenheit städtebaulich noch präsent: Im “Kaiserlichen Bezirksamt” residiert heute die Stadtverwaltung, im Gebäude des “Deutschen Klubs” arbeitet ein Gericht, im Amtssitz des Gouverneurs “Deutsch-Ostafrika” sind heute die Rechnungsprüfer der Regierung untergebracht. Spielt Deutschland heute noch eine Rolle im Alltag Tansanias? ![]() Joseph vor „seinem“ Hotel, dem Durban. “Aber klar”, sagt Joseph Simbila, der im ‘Hotel Durban’ als Page arbeitet: “Ich gucke gern die Bundesliga, Bayern München ist ein Spitzenverein, und ihr baut tolle Autos!” Joseph, die Frage war, ob die deutsche Kolonisation hier in Tansania heute noch eine Rolle spielt! “Die Deutschen haben uns kolonialisiert, die Briten haben das dann nur noch zu Ende gebracht. Im Grunde haben die Deutschen aus unseren vielen Stämmen das gemacht, was wir heute sind: eine Nation.” Auch was den Glauben betrifft, wirken die deutschen Spuren bis heute: “Ich bin zum Beispiel römisch-katholisch”, sagt der 26-Jährige. Die erste Kirche Ostafrikas hätten die Deutschen einst in Bagamoyo gebaut, und es werde sich kein zweites Land an der ostafrikanischen Küste finden lassen, in dem es so viele römisch-katholische oder protestantische Kirchen gibt, wie in Tansania. Aber Joseph, spielt denn abgesehen vom Glauben, die deutsche Kolonisation eine Rolle für dein Leben, deine Zukunft? Joseph runzelt die Stirn. “Ehrlich gesagt, glaube ich nicht an eine Zukunft Tansanias. Die Politiker sind korrupt und der Klimawandel trifft uns heute schon mit voller Härte. Den einzigen Plan, den die Politiker haben ist, wie sie sich ihre eigenen Taschen füllen können. Und die Auswirkungen des Klimawandels hört man da drüben.” Joseph zeigt auf den surrenden Generator, der neben dem Hotel steht. Er klingt wie eine Hornisse. ![]() Eine Hornisse: Das Notstromaggregat des Hotel Durban. 60 bis 70 Prozent der tansanianischen Elektrizität werden aus Wasserkraft produziert, sagt Joseph. “Früher war das völlig unproblematisch: Die Araber hatten die Technologie der Wasserhaltung nach Tansania gebracht, die Deutschen haben sie perfektioniert. In der Regenzeit von März bis Mai füllten sich die Wasserbecken und speisten das ganze Jahr ins Netz. Aber es regnet heute viel zu selten und längst nicht mehr so oft.” Weniger Regen bedeutet für ihn ganz praktisch keinen Strom. Dafür aber das Insektengeräusch. Auch sonst lasse sich der Klimawandel überall erfühlen. “Die Bauern ernten weniger, die Erde dürrt aus und auf dem Kilimanjaro ist bald sämtliches Eis geschmolzen”, sagt Joseph. Er wolle nach Kenia gehen, vielleicht nach Uganda auswandern oder in die Vereinigten Staaten: “Ich habe in meinem Leben einen Plan. Das wichtigste ist, diesen zu verfolgen. Geht das nicht dort, wo du gerade lebst, musst du eben weggehen”, sagt Joseph. Irgendwie geht es in Dar es Salaam aber tatsächlich noch ein bisschen nach den Deutschen. Kein Regierungsbeamter konnte sich nämlich mit der staubigen Trockenheit in Tansanias Hauptstadt Dodoma anfreunden. Also ließen sie Dodoma Dodoma sein und kehrten zurück in jene Regierungsgebäude, die einst schon von den Deutschen genutzt wurden. Pro forma tagt das Parlament drei, vier mal im Jahr in Dodoma. Aber ansonsten genießt man das Leben in Dar es Salaam. Hier sind alle Botschaften angesiedelt, alle wichtigen Banken, die Behörden und Lobbys – Dar es Salaam ist die wahre Hauptstadt Tansanias. Am Mittag verstummt der Insektenschwarm plötzlich. Der Strom ist zurück, trotz hellichten Tages brennen die Straßenlaternen, sie sind noch auf Nachtmodus eingestellt. Eine eigentümliche Stille macht sich breit in Dar es Salaam und plötzlich hört man Stimmen, Autos, Muhezins, die Stadt. Aber das geht nicht lange gut. Keine zwei Stunden später hebt der Insektenschwarm wieder ab. ![]() Abendstimmung in der Altstadt: Licht spenden Generatoren und Autoscheinwerfer.
![]() Der Ta-Za-Ra- Bahnhof in Dar es Salaam ... 13:50 Uhr steht auf dem Fahrplan. Immer freitags 13:50 Uhr fährt die Ta-Za-Ra nach Sambia. Es ist Freitag 15:10 Uhr. Aber der Bahnhof hat noch nicht einmal seine Eisengitter in den Wartesaal geöffnet. Der nächste Zug steht Dienstag auf dem Fahrplan, der übernächste am kommenden Freitag. Aber das bedeutet offensichtlich nicht sehr viel in Tansania.
Die Ta-Za-Ra – die „Tanzania-Zambia-Railways“ - ist eine der wenigen Eisenbahnen, die in Tansania nicht von den Deutschen gebaut wurde. Der Impuls für die Ta-Za-Ra kam aus Sambia: In den 60er Jahren hatte das rassistische Rhodesien im Süden seine Grenzen zur jungen Republik dicht gemacht. Sambia, das hauptsächlich vom Export seiner Kupferminen lebt, war nahezu isoliert. Es gab zwar Verbindungen über Zaire und Angola zu den Küsten – aber die Nachbarstaaten im Norden und Westen hatten andere Sorgen, als sambisches Kupfer auf den Weltmarkt zu transportieren. ![]() ...an dem an diesem Nachmittag ein großes Verladen angesagt ist. Aber da waren ja noch die deutschen Eisenbahn-Pläne aus der Kolonialzeit: In den Norden an den Kilimanjaro hatten die Deutschen eine erste große Strecke 1912 in Betrieb genommen, 1914 folgte die an den Tanganyika-See im Westen. Fehlte die Strecke in den Süden, die bereits geplant und projektiert war. Aber bekanntermaßen verloren die Deutschen nicht nur den Weltkrieg sondern auch die Kolonien. ![]() Ein Winken und Hüpfen und „Hohee!“ an der Strecke. Plötzlich geht alles ganz schnell: Zuerst werden die Pforten zur riesigen Wartehalle geöffnet. Das Reisevolk stellt sich in Schlangen vor dem Eisengitter zum Bahnsteig an. Dann folgt ein Rennen und Schleppen, riesige Pakete mit Klopapier, Hautcreme, Eisenteilen oder Stoffen werden zu den Waggons gewuchtet, Koffer, Kinder, Großmütter verfrachtet. Die Lok pfeift und dann stampft sie los. Es ist ein Winken und Hüpfen und „Hohee!“ an der Strecke, die Kinder stürzen aus den Hütten und fordern ein Zurückwinken. ![]() Immer häufiger ist entlang der Strecke der Wald brandgerodet. 50 Kilometer nach Dar es Salaam ist der Wald abgeholzt. Nicht komplett, aber immer wieder. Einerseits versuchen Farmer so neue Anbauflächen zu gewinnen. Andererseits tragen Köhler Holz zusammen, um es dann im Meiler zu Holzkohle zu brennen. Dazu eignen sich dicke Stämme besser als dünne: Entsprechend arm an hohen Bäumen ist der Wald hier. Die Holzkohle verkaufen sie dann in Dar es Salaam. ![]() Und auch die Köhler setzen den Bäumen zu: Hier der Beginn eines Meilers. Die Ta-Za-Ra hat einen sehr eigenen Rhythmus. Während russische Bahnen beispielsweise langsam Ratam-ratam – Pause – Ratam-ratam singen, die vietnamesischen hektisch ratatatam, ratatatam machen oder die chinesische einfach nur zischts (ohne jedes Tamtam), singt die Ta-Za-Ra einen sehr abwechslungsreichen Chor: Ramtatatam-ta-Ramtatatam im Takt, Piti-tuti oder Ti-pitu in der Melodie. Vielleicht liegt das an der ungewöhnlichen Spurbreite: Mit 1,06 Metern weisen in Afrika allenfalls noch Bahnen in Südafrika diese Weite auf. Vielleicht liegt es aber auch nur am schlechten Zustand der Strecke: Die Waggons tanzen manchmal so, dass einen die Angst beschleicht, sie würden gleich umfallen. ![]() Afrikaner an der Seite der Cinesen: im Dar es Salaamer Bahnhof hängen Fotos aus der Bauzeit. Dummerweise wollten weder Weltbank, noch der Internationale Währungsfonds oder irgend jemand anderes aus dem Westen Sambia und Tansania einen Kredit für den Bau der Eisenbahn geben. Nacheinander fuhren deshalb Ende der 60er Jahre die Staatschefs Sambias und Tansanias nach Peking. China gewährte schließlich 500 Millionen Dollar Kredit. Unter zwei Bedingungen: Wir Chinesen bauen die Bahn. Und ihr kauft alles dafür Notwendige in China. Deshalb tragen die Eisenbahn-Schwellen mitten in Afrika auch chinesische Schriftzeichen. ![]() Affen im „Selous Game“ Reservat. Bei Kilometer 120 biegt die Strecke in das „Selous Game“ Reservat ein. Mit 52.000 Quadratkilometern soll es das größte Naturreservat Afrikas sein. Ein paar Affen sind zu sehen, Gazellen und Antilopen grasen an der Strecke. Im Herzen des Reservats bildet der Fluss Rufiji ein imposantes Binnendelta, die größte Elefantenpopulation der Welt lebt hier, so um die 65.000 Tiere. Manchmal sollen auch Löwen oder Giraffen an der Strecke zu sehen sein. Aber heute ist es schon zu spät, die Dämmerung legt sich übers Land. „Game“ Reservat bedeutet, „zum Abschuss freigegeben“. Das Leben als Spiel: Der südliche Teil des Reservats ist in sogenannte „hunting blocks“ – Jagdblöcke – aufgeteilt und an Firmen vermietet, die ausländischen Gutbetuchten und Schießwütigen das Gnu-Geweih oder Zebra-Fell als Trophäe offerieren. 80.000 Euro sollen die Großwildschießer pro Jagd hinblättern müssen, was ihnen im Durchschnitt 10 Volltreffer bringt. So kommt deutlich mehr Geld in die tansanische Kassen, als die „Fototouristen“ im nördlichen Teil des „Selous Game“ Reservats zahlen. Geschossen werden darf dort nur mit der Kamera. Benannt ist das Reservat nach Frederick Courteny Selous, ein Brite, der schon vor 100 Jahren reichen Menschen das Tiereabschießen möglich machte. Selous organisierte beispielsweise 1908 für den US-Präsidenten Theodor Roosevelt eine Safari. Die Namensgebung des „Game“-Reservats ist nicht ohne Ironie: Der einst große Bestand von Spitzhorn-Nashörnern ist auf 50 zusammengeschrumpft. Die Großwildjäger von heute arbeiten für die Potenz chinesischer Männer, die diese im steifen Horn vermuten. Feind der Tiereabschießer ist nicht mehr der Unbill der Natur, Feind sind allenfalls die überforderten Reservats-Ranger, die das Schlachten der Hörner unterbinden sollen. Selous selbst übrigens wurde 1917 Opfer eines deutschen Abschusses. Er hatte sich der britischen Kolonialtruppe im Kampf gegen die Deutschen angeschlossen. „Noch ein Bier?“, fragt Peter, der Kellner im Salonwagen. Zur Auswahl stehen „Kilimanjaro“, „Serengetie“ oder „Safarie“. Die Kissen der Sessel sind weich. Auch das kenianische „Tysker“ wäre verfügbar und „Castle“ aus Südafrika. „Vom Serengetie würde ich allerdings abraten“, sagt Peter, der Keller. Derzeit seien die eisgekühlten ausverkauft. 1970 begannen 30.000 Afrikaner und 17.000 Chinesen mit dem Bau der „Tanzania-Zambia-Railways“. Jede Schiene, jede Schraube, jeder Waggon wurden aus Asien herangeschafft. Sechs Jahre brauchte das Eisenbahner-Heer, um nach 147 Stationen und 1.900 Kilometern den Kupfergürtel in Sambia zu erreichen – die Stadt Kapiri Mposhi. Anfang 1976 rollte der erste Zug. ![]() ... und der Zug auf dem Weg ins tansanianische Hochland. Kilometer 620, der Zug ist jetzt so langsam, dass ihn ein Langstreckenläufer mühelos überholen und davonlaufen könnte. Aus dem „Kilombero Valley“ beginnt sich die Bahn in 1.200 Höhenmeter auf die Ebene des südlichen Hochlandes Tanzanias zu stampfen. 17 Waggons, jeder 40 Tonnen schwer, fordern Zugeständnisse an die Geschwindigkeit. Vor allem hier hatten die chinesisch-afrikanischen Trassenbauer harte Arbeit zu leisten: 20 Tunnel gruben sie, die Hälfte der 300 Brücken stehen hier und ein umfangreiches Abwassersystem sucht die Strecke vor den Angriffen der Regenzeit zu schützen. Ab und zu bekommt man in den Tälern eine Vorstellung davon, wie üppig früher hier der Bergregenwald gestanden haben muss. Heute sind die Hänge meistens kahl. Wenn Wald da ist, sind es zumeist Miombo-Bäume mit roten Blättern. Später werden diese gelb, dann violett und erst danach grün. ![]() Emilio (links) gönnt sich den Kun-Fu-Film im Salonwagen „Ich fahr nicht weit“, sagt Emilio, der noch keine 30 Jahre alt sein kann. „Sechs Stationen – und du bekommst die besten Tomaten der Welt“. Emilio macht in Import-Export: Da wo er herkommt, gedeiht der Reis prächtig. Der Verkauf jeweils an der anderen Station bringt ihm soviel, dass neben der Fahrkarte ein ordentlicher Gewinn bleibt. „Und das schöne an den Reisen ist: Ich kann Filme sehen“, sagt Emilio. Im Salonwagen läuft ein französischsprachiger Kung-Fu-Film aus Korea mit suaheli-Untertiteln. Bei ihm im Dorf gebe es keinen Fernsehempfang, geschweige denn Strom. ![]() Im Hochland sind viele Flüsse ausgetrocknet. Sechs Stunden später, Kilometer 730, ist gelb die dominierende Farbe. Die Savanne flimmert vor Hitze, ausgedürrt wartet sie auf das Ende der Trockenzeit. Kakteenartige Euphorbienbäume, blattlose Dornenbüsche und Schirmakazien bestimmen die Landschaft. Und natürlich die Baoba, der Affenbrotbaum, der wie eine Wehrburg der Natur in der Gegend steht. Zehn Meter Stammumfang sind eher normal, manche bringen es auf das doppelte. ![]() Affenbrot- und Euphorbienbaum: Überleben kann hier nur wer angepasst genug ist. Hier überlebt nur, wer gut angepasst ist: Die Akazien haben ein weitverzweigtes Wurzelsystem, das bis ins Grundwasser reicht, die Affenbrotbäume speichern Wasser in ihrer Rinde. Trotz dieser extremen Bedingungen gibt es erstaunlich viele Dörfer entlang der Bahnstrecke. Das liegt vermutlich an einigen wenigen Wasserläufen aus den Kipengere-Bergen, die ganzjährig Wasser führen. Und an der Hoffnung auf die Regenzeit: Fällt der erste Regen, verwandelt sich die gelbe Ausgedürrtheit in ein Meer aus Grün und Blüten. Der Boden ist fruchbar und von den Bauern bereitet. Fehlt nur noch der Regen. Trockenzeit geht hier von Juni bis Mitte Oktober. Die Menschen warten sehnsüchtig.
![]() Und immer wenn der Zug hält offerieren die Einheimischen regionale Früchte – hier die pflaumenähnlichen des Masuku-Baumes. Wann immer der Zug hält, wird er von Einheimischen umringt. Bananen bieten sie feil, die Früchte des Masuku-Baumes, unseren Pflaumen vergleichbar oder hausgemachtes Brot. Für viele an der Strecke sind die Zugstopps die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. „Jetzt ist das Gröbste geschafft“, sagt Mister Mboba, ein Geschäftsmann aus dem Kongo. Etwa bei Kilometer 930 hatte der Zug gegen Mitternacht die Grenze passiert, am Abend sollte er Kapiri Mposhi erreichen. Dort wird Mister Mboba von einem Bus erwartet, der ihn hinüber nach Kongo bringt. Noch aber liegen knapp 1.000 Kilometer zwischen Mister Mboba und seinem Ziel, der Zug bringt es im Durchschnitt gerade einmal auf eine Reisegeschwindigkeit von 50 Stundenkilometer. ![]() Ein Dorf in Tansanias Hochland... Warum er nicht das Flugzeug genommen hat? „Viel zu umständlich“, sagt Mister Mboba, er hätte irgend einen Gabelflug via Nairobi oder Südafrika nehmen müssen. Das ist in etwa so, wie wenn man von München nach Hannover über London oder Moskau reist. „Und der Preis ist natürlich auch OK“, sagt Mister Mboba. Die Ta-Za-Ra verlangt für die 1.900 Kilometer lange Strecke 30,70 Euro. Überhaupt scheint Mister Mboba ein paar ganz gute Geschäfte in Dar es Salaam gemacht zu haben. Im Gepäck hat er ein Kinderfahrrad für seine Tochter. ![]() ... und eines in der sambischen Ebene. Keine guten Geschäfte macht dagegen die Ta-Za-Ra – die „Tanzania-Zambia-Railways“. Nachdem die Chinesen weg waren, mangelte es an gut ausgebildeten Eisenbahnern, wovon heute noch hunderte umgestürzte Güterwagen entlang der Strecke zeugen. Es fehlten die richtigen Wartungsarbeiter, die richtigen Fachkräfte zum Entladen, monatelang standen Streckenabschnitte still. Also kamen die Chinesen zurück. „Die Regierung hat großes Interesse an einem wirtschaftlichen Erfolg“, sagt Gaga, ein glatzköpfiger Mittfünfziger, der im Management der Ta-Za-Ra arbeitet. Die Privat-Besitzer der Kupferminen – auch in Sambia grassierte in den 90er Jahren die neoliberale Privatisierungsdoktrie – setzen aber lieber auf den LKW als Transportmittel. „Ein LKW braucht zwei Tage bis zum Hafen, unsere Züge sieben Tage plus“, sagt Gaga. Immerhin gibt es einen neuen Kunden: In den Mukuruanpopamaenza-Bergen wurden große Magnesium-Vorkommen erschlossen. Und damit neue Hoffnung für die Ta-Za-Ra. Aber das ist nur die eine Seite der Ta-Za-Ra-Medaille. Am Kilometer 1580, kurz vor Kanona, wird es plötzlich ruhig. Mister Mboba wollte jetzt eigentlich schon in Kapiri Mboshi sein, laut Fahrplan hätte er sogar schon ein Bad oder seinen Bus nehmen können. Aber die Lok streikt. Nichts zu machen, aus der nächstgelegenen Rangierstation muss eine neue Lok herbei. Die aber ist gut 200 Kilometer weit weg. Aus den veranschlagten 48 Reisestunden sind schon jetzt 51 geworden und immer noch sind 320 Kilometer Strecke zu bewältigen. Das also meint Gaga mit „sieben Tage plus“. Mister Mboba wüsste nur zu gern, wie groß das Plus diesmal ist. ![]() In Sambia, Brücke über den Chambeshi, dem größten sambischen Fluss im Nordosten - nicht zu verwechseln mit dem Sambesi.
![]() Advent in Sambia, zumindest im Lusaker Supermarkt Shoprite. Über Lusakas Dächern toben die Schwalben. Sind das schon die aus Deutschland?
Es ist Mittag in Sambias Hauptstadt, 30 Grad, angenehm, weil nicht so schwül wie an der Küste. Shoprite, ein Supermarkt auf der Cairo Road – Lusakas Flaniermeile – macht auf Weihnachten. Über den Kassen hängen Wimpel mit Christbaumkugeln, aus den Lautsprechern klingt die Melodie von „Leise rieselt der Schnee“. Die Äpfel, Birnen, Weintrauben, die Trockenmilch, Käse-, Wurstscheiben kommen aus Südafrika, das Haargel und die Tortelini aus Europa. Vor der Tür stehen AIDS-Aktivistinnen, die gegen eine kleine Spende selbstgebastelte AIDS-Schleifen verkaufen. Bestimmt sind die Spenden für Aids-Waisen. Aus den Lautsprechern plärrt „Oh, du fröhliche“. Lusaka, Stadt der Gegensätze. ![]() Hier beginnt die Cairo Road, Lusakas Flaniermeile. Am Eingang der Flaniermeile Cairo Road tanzt ein Springbrunnen. Blumen sind gepflanzt, der Rasen geschnitten, im Hintergrund recken sich ein paar Hochhäuser in den Himmel. Dreht man sich um: das krasse Gegenteil: Menschen sitzen hinter provisorischen Verkaufsständen mitten im Müll. Sie versuchen gebrauchte Schuhe, Zahnbürsten oder Kugelschreiber zu verkaufen. Überall türmt sich Abfall, der Boden staubt, die Menschen versuchen ihre schäbigen Produkte mit Palmwedeln staubfrei, also attraktiver zu machen. ![]() Keine 50 Meter vom Springbrunnen entfernt beginnt das, was in Lusaka als „Markt" bezeichnet wird. „Städte sind für 75 Prozent der Treibhausgase verantwortlich“, schreibt die Sambia Daily Mail. Der Bericht auf Seite 9 handelt von einer Klimakonferenz der Städte in Kapstadt, die am vergangenen Wochenende im Vorfeld der diesjährigen Weltklimakonferenz stattfand. Fazit: Handeln die Städte nicht, ist dem Klimaproblem nicht beizukommen. „Bis zum Jahr 2050 werden 60 Prozent der Afrikaner in Städten leben“, warnt Marlene Laros. Leiterin der Abteilung „politische Strategie“ am südafrikanischen ICLEI-Institut. Heute sind es bereits 40 Prozent. Wobei diese Zahl eher die amtliche sein dürfte: Offiziell leben 1,3 Millionen Menschen in Lusaka, tatsächlich beheimatet Sambias Hauptstadt aber bereits mehr als drei Millionen. Vor allem junge Leute wenden sich immer mehr vom harten Farmerleben ab, das oft fern von modernen Kommunikationswegen, Elektrizität und Bildung allenfalls die Eigenversorgung deckt. Katongo beispielsweise, der vor 5 Jahren aus Sambias Norden nach Lusaka kam. „Was soll die ganze Schinderei, wenn du trotzdem keine Aussicht auf Besserung hast“. Katongo, vom Stamm der Bemba, hatte Glück. Ein Stammesbruder hat es in Lusaka zum Taxiunternehmer gebracht und Katongo eine Stelle gegeben – für umgerechnet 70 Dollar im Monat. „Das ist mehr, als viele da draußen auf der Straße haben“, sagt Katongo. 43 verschiedene Stämme leben in Sambia, 43 verschiedene Sprachen, Kulturen Blutsbruderschaften. Es eint sie die englische Sprache. ![]() Gleich kommt der Zug: Er wird so lange hupen, bis die fliegenden Händler ihre Stände geräumt haben. Katongo hat es noch gut: Wachleute verdienen 25 Dollar im Monat, Kellner 60. Essen ist für sie nur selten zweimal am Tag möglich, geschweige denn für all jene, die keinen Job haben. Inoffiziellen Zahlen zufolge sollen in Lusaka an die eine Million Menschen leben, die weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung haben. Sambia leidet zudem unter einer hohen Inflation. Der Becher Reis – ungekocht – kostet in schlechter Qualität inzwischen 3.000 Kwacha – wie die Landeswährung heißt. Umgerechnet sind das 50 Cent. ![]() Eindringliche Mahnung auf der Cairo Road: „Keep Lusaka clean“ „Ein Grund, warum es schwer sein wird grüne Städte in Afrika zu erschaffen, ist die Infrastruktur“, schreibt die Sambia Daily Mail. Bis 2050 müsse sie verdoppelt werden. Allein der Bausektor trage 30 bis 45 Prozent des globalen Energieverbrauches – und damit entsprechend zu den Emissionen bei. Wenn es nur das wäre. „Keep Lusaka clean“ steht an den Straßen und auf den Mülleimern. Die aber sind leer, der Müll stapelt sich daneben. Eine funktionierende Müllabfuhr gibt es in Sambias Hauptstadt nicht – auch das gehört zur Infrastruktur und zu den grünen Städten. Es wäre billiger, ordentlichen Nahverkehr zu installieren und die Leute zu überzeugen, zu Fuß zu gehen, empfiehlt der Bericht der Daily Mail. Dabei rät der Reiseführer, nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße zu gehen, sondern ein Taxi zu nehmen. Der wachsenden Kriminalität wegen. Das Problem scheint also ein anderes zu sein. ![]() Die Menschen behelfen sich – und fackeln den Müll ab, wenn er zu viel wird. Hier hinter einer Einrichtung des Gesundheitsministeriums, vermutlich ein staatliches Krankenhaus. Dabei gibt es auch unvorstellbar reiche Gegenden in Lusaka: Der Vorgarten so groß wie manchen Farmers Feld, im Carport Autos, die garantiert mehr als zwei Tonnen auf die Waage bringen und Arkazien, die gerade strahlend blau oder rot blühen – und doch gleichzeitig Früchte tragen. Lusaka, Stadt der Widersprüche. „Wir können alle etwas für klimafreundlichere Städte tun“, erklärt der Daily Mail: In Städten sei es „viel einfacher die Community zu mobilisieren.“ Die Sambia Daily Mail wird in Lusaka herausgegeben, die Redakteure gehen hier einkaufen oder nach der Arbeit nach Hause. Ist ihr Blick schon so abgestumpft? ![]() Müll, Müll, Müll: Wer durch Lusakas Straßen läuft, tritt auf Müll. In der kommenden Woche werde ich es sein, der über eine Klimakonferenz schreibt. Vermutlich wird das, was ich und meine Kollegen von klimaretter.info zu berichten haben, mit der Lebenswirklichkeit dieser Welt genau so viel zu tun haben, wie die beschriebene Klimakonferenz der Städte – mit der Stadt der Gegensätze, mit Lusaka.
![]() Muss auch noch mit: Packszene am Morgen Busfahren in Afrika – das ist die praktische Antwort auf die Frage: “Wie viel Masse Leben lässt sich auf der kleinstmöglichen Fläche stapeln?” Im Matatu zum Beispiel, so heißen die Minibusse auf suaheli, werden vier Sitze auf fünf Menschen, zwei Hühner und eine Ente aufgeteilt. Die fest verschnürten Tiere protestieren natürlich zu weilen lautstark. Es stinkt fürchterlich. Leicht auszurechnen, wie viel Angstschiss der Tiere sich in ihrem Transport-Korb angesammelt hat. ![]() Blinde Passagiere? Nö, die afrikanische Antwort auf die Frage: "Wieviel Masse Leben lässt sich auf der kleinstmöglichen Fläche stapeln?" Gestapeltes Leben ist aber auch das, was drunter und drüber im Matatu verstaut ist: Die Menschen sitzen auf Kisten, haben die Beine auf Körben oder Säcken voller Kartoffeln, Bananen, Klopapier oder Saatgut gestellt, die Knie an die Brust gewinkelt, es werden Schaufeln, Aluminiumleitern, Glühbirnen und manchmal sogar ein Fernseher transportiert. Sieht man einmal von den zwei Bahnlinie ab, haben Matatus und andere Busse – zumeist mit chinesischen Schriftzeichen bedruckt – den öffentlichen Nahverkehr in Sambia übernommen. Manche Busse ziert auch das Hakenkreuz – dann kommen sie von den Philippinen. Dort gilt das Nazisymbol von Alters her als anbetenswerte Verheißung. Ein wenig komfortabler reist es sich in den großen Überlandbussen. Dort gibt es im “Bauch” genügend Stauraum, was entsprechend genutzt wird: Manchmal wird einfach nur “die Fracht” auf Reisen geschickt. Anders als in Deutschland haben die Überlandbusse fünf Sitzplätze pro Reihe – auch hier gilt das Gesetz, möglichst viel Leben auf kleinstem Raum zu verstauen. ![]() Start der Überlandbusse: Lusakas Busterminal Bevor der Bus in Lusaka losfahren kann, steigt der Referent zu. Er greift zum Mikrophon und donnert mit aufgeregter Stimme: “Ich segne diesen Bus, ich segne euren Fahrer, ich segne Euch und Eure Missionen”. Aber weh dem, der vom Weg abkommt: “Gott liebt Euch, aber ihr müsst diese Liebe auch erwidern”. Rose, ein schüchternes Mädchen, sagt “Ameeen” – wie viele anderen auch. Satz für Satz, halb geschriene, im Stakkato – wie Salven eines Maschinengewehrs peitschen die Worte des Referents jetzt durch den Bus. “Ihr könnt nicht Reisen – Gott lässt euch Reisen. Ihr könnt nicht heiraten – Gott lässt euch heiraten. Ihr könnt keine Kinder bekommen – Gott lässt euch gebären. Ihr seid nicht – es sei denn Gott lässt zu, dass ihr seid”. Das geht jetzt schon eine halbe Stunde so. Der Referent hat sich in eine Rage geredet, die penetrant unangenehm ist. Rose, die mit ihrer Mutter reist, hält die Augen fest geschlossen, die Hände gefaltet, ist tief in die Worte eingetaucht. Ab und an haucht sie ein “Ameeen”. ![]() Bäume zu Holzkohle: Köhler offerieren an der Straße ihre Produkte. “Können wir?”, fragt der Busfahrer. Abfahrtszeit war vor einer halben Stunde. Der Assistent des Referents hebt entsetzt die Augenbrauen: Das Werk ist doch noch nicht vollbracht. “Die Sünde lauert überall”, bellt der Prediger, “seid stark, und wenn ihr einmal nicht stark genug seid, dann ruft mich an”. Der Referent predigt jetzt seine Telefonnummer. Rose hat ihr Handy aus der Tasche gekramt, um die Nummer abzuspeichern. Dem Busfahrer dauert das jetzt zu lange, er fährt schonmal. Unbeeindruckt bellt der Referent seine Worte weiter ins Mikrofon – tack, tack tack. “Gott ist groß, Gott ist allmächtig. Gott ist die Zukunft und er gibt euch gern. Am meisten gibt er denen, die bereit sind selber zu geben.” Tack, tack, tack – den letzten Satz wiederholt der Referent mindestens fünfmal. Er sei hier im Dienste Gottes, er sei hier um die Gaben anzunehmen. “Gebt großzügig, dann wird euch Gott auf dieser Reise sehr viel zurückgeben”. Während der Referent das Wechselspiel des göttlichen Nehmens und Gebens näher ausführt, geht sein Assistent mit einem Klingelbeutel durch die Stuhlreihen. Rose hat zwei 1.000 Kwacha-Scheine aus einer ziemlich leeren Geldbörse gekramt, steckt sie aber wieder weg um einen 5.000-Schein zu spenden – umgerechnet 80 Cent. BU: Buschfeuer: Jedes Jahr zum Ende der Trockenzeit brennt der Wald – oder das, was von ihm übrig ist. Die Kollekte ist zurück beim Referent, endlich ist das Werk getan. Die Reise kann losgehen, und der Film weiter. Im bordeigenen Videosystem läuft ein Movie, in dem sich die Menschen neu erschaffen. Einem werden Kiemen transplantiert, damit er ewig tauchen kann, einer Frau Flügel mutiert, um des Fliegens mächtig zu sein. Das alles natürlich nur, um das übermächtige Böse zu bekämpfen: Rose und viele anderen im Bus verfolgen dem Plot gespannt. Aber hatte Gott nicht gesagt “Ihr sollt keine anderen Götter haben neben mir?” Rose arbeitet in der Tourismusbranche in Livingstone, jener Stadt, die nach David Livingstone im Süden Sambias benannt ist. Der Schotte hatte sich als Abenteurer und Afrikaforscher einen Namen gemacht. Er hatte die Wüste Klahari durchquert und war 1855 der erste Weiße, der die Wasserfälle des Flusses Sambesi sah. “Von so viel Schönheit beeindruckt, benannte er das Naturwunder nach Königin Viktoria”, schreibt der Reiseführer. Ein gewisses Kalkül dürfte auch ein Rolle gespielt haben: Livingstone brauchte Geld und Unterstützung für weitere Expeditionen. ![]() Sein ganzer Stolz. Ob die Menschen entlang der Strecke nach Livingstone etwas von den Worten des Referents wissen? Da sind Steineklopfer, die aus großen Steinen kleine machen – falls jemand seine Autozufahrt zum Grundstück zementieren will, kann er die Grundlage hier billiger als im Laden kaufen. Da sind Pilzesammler, die ihre Funde offerieren, Frauen und Kinder bieten Dörrfisch, Früchte oder Mineralwasser feil. Der Bus donnert in zügigem Tempo an all dem vorbei. ![]() Ein Ziegelbrenner-Ofen, ![]() und sein Produkt. Auch an den Köhlern und Ziegelbrennern: Überall entlang der Strecke wird der Wald abgeholzt, um dann als Rohstoff für Holzkohle oder zum Ziegelbrennen zu dienen. Wo es Lehm gibt, haben die Menschen große Öfen geformt und zwischen die grob geformten Lehmquader Holz gestapelt. Das wird dann angezündet und qualmt tagelang vor sich hin – bis die Ziegel gebrannt sind. Entsprechend wird dem Wald zugesetzt: Siedlungsnähe entlang der Strecke kann man daran ablesen, dass die Anzahl der hohen Bäume abnimmt. Gibt es dann gar keine mehr, ist der nächste Ort gleich erreicht. Und weil die Menschen hier im Süden Sambias keine andere Energiequelle kennen – manche Dörfer haben inzwischen allerdings einen Stromanschluss -, müssen die Menschen oft weite Strecken für ein bisschen Brennholz zurücklegen. Statt Film gibt es jetzt europäische Schnulzen aus den 80er Jahren im Bus, Rod Stewart, Abba oder Maria Carey. Rose kennt jeden Text auswendig und singt mit. Auch acht Stunden Busfahrt wollen überbrückt werden, wer weiß was Rose träumt. Dann ist Livingstone erreicht, ein Provinzstädtchen mit imposanten Kollonialbauten aus den 30er Jahren. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die Briten eine beeindruckende Brücke über den Sambesi gebaut und so früh einen wichtigen Handelsweg nach Südafrika begründet.
Allerdings führen die Niagara-Fälle (zwischen den USA und Kanada) zweieinhalb mal mehr Wasser im Jahresdurchschnitt als der Sambesi. Und die Icuaca-Fälle in Südamerika sind mit 2,7 Kilometern Breite ein Kilometer breiter als die Viktoria-Fälle – und sogar anderthalb Kilometer breiter als die des Niagaras. Weltrekorde sind also auch bei Wasserfällen relativ.
Über den Parkplatz vor dem Spar-Supermarkt in Viktoria-Falls schleicht ein Pavian auf drei Gliedmaßen. In der vierten, der linken Hand, hält er ein totes Affen-Kind – offensichtlich überfahren. Ein paar Einheimische beginnen Steine nach dem Affen zu werfen, der daraufhin zu rennen anfängt – immer das tote Baby in der einen Hand hochhaltend. Schließlich soll hier nichts die Touristenidylle stören.
Der Tannenbaum bei Spar in Zimbabwes größter Stadt Bulawayo ist herabgesetzt. Statt 165 US-Dollar kostet er nur noch 145 Doller. In gewisser Weise ist so ein Weihnachtsbaum ganz praktisch: Weil hier natürlich keine Tannen wachsen, gibt es sie aus Plaste. So sind sie auch im nächsten, übernächsten (und so weiter) Jahr wieder zu verwenden.
![]() Herabgesetzt: Weihnachtsbaum bei Spar in Bulawayo Allerdings zeigt der Tannenbaum bei Spar auch eine ganz unpraktische Seite von Zimbabwe. Was, wenn er beispielsweise auf 144,90 US-Dollar herabgesetzt worden wäre? Wie ihn dann bezahlen? Dank “Western Union” ist es relativ einfach, US-Dollar-Noten ins Land zu transferieren. Aber doch keine Münzen! Und keine Münzen bedeutet: kein Wechselgeld. Das Bier für 1,50 US-Dollar beispielsweise ist in Bulawayo unbezahlbar. Schuld ist Zimbabwes Diktator. Unter der Herrschaft Robert Mugabes hat Zimbabwe in den letzten zehn Jahren einen beispiellosen Niedergang erlebt. Eine Hyperinflation von über 1.000 Prozent ließ den Zimbabwischen Dollar ins Unermessliche steigen. Zuletzt kostete ein Brot zwei Millionen Zimbabwische Dollar. 2009 stieg die nationale Notenbank aus diesem Wahnsinn aus. Sie verzichtete, die Notenpresse weiter anzukurbeln – und erklärte den US-Dollar zur offiziellen Landeswährung. Viele Kleinsparer verloren alles, hingegen hatten Mugabe und sein Clan ihr Geld längst auf ausländischen Konten geparkt. Seit damals gibt es praktisch zwei nationale Währungen in Zimbabwe. Die großen Beträge werden in US-Dollar gezahlt, die Komma-Beträge in südafrikanischen Rand. Südafrika liegt um die Ecke, der Grenzverkehr ist rege. 10 Rand entsprechen etwa 8 US-Dollar – irgendwie wird so das Bier bei Spar doch noch bezahlbar. ![]() Eingerahmt zwischen kraftstrotzenden Löwen: So sieht sich Robert Mugabe am liebsten. In allen öffentlichen Gebäuden hängt sein Konterfei, hier in einem noblen Hotel. Robert Mugabe? “Ach vergiss Mugabe!”, sagt Mojo, der in der letzten Woche sein Geophysik-Studium an der Universität von Bulawayo abgeschlossen hat. “Wir haben wichtigere Probleme als den Alten”, sagt der frisch Diplomierte. In der Öffentlichkeit würde Mojo niemals über den Diktator reden, der seit 31 Jahren Zimbabwe regiert. “Mugabe hat den Polizisten, den Sicherheitsleuten, der Armee Grundstücke und Vorteile verschafft”, sagt Mojo. Entsprechend treu seien die dem Diktator ergeben. Um ins Gefängnis zu kommen, bedarf es nicht viel in Zimbabwe. Aber wie gesagt: Dieses Problem sei lösbar. “Mugabe wird im Februar 88 Jahre alt. Die Lösung ist also an zehn Fingern abzuzählen.” ![]() Weihnachtsprozession bei 25 Grad im Schatten: Organisiert von der Supermarktkette TM, die auch was vom Kuchen abhaben will. Das größere Problem sei der Klimawandel, sagt der Geophysiker: “Vor drei Wochen hatten wir hier zuerst 40 Grad. Solche Temperaturen sind absolut ungewöhnlich. Und dann hatten wir plötzlich Schnee.” Schnee in Zimbabwe? Im subtropischen Klima? Also nicht richtigen Schnee, sagt Mojo, “es hat daumenkuppengroße Hagelkörner geregnet”. So viel, dass der Boden drei Zentimeter mit Körnern bedeckt und ganz weiß war. “So sieht doch Schnee bei euch aus, oder?” ![]() UNESCO-Weltkulturerbe: Diese Zeichnungen im Matobo-National-Park zählen zu den ältesten Kunstwerken der Menschheitsgeschichte. In Zimbabwe hat die Regenzeit begonnen, die Landschaft ist in tausend Farben grün verwandelt. Während drüben in Sambia noch das Gelb der Trockenzeit, das Schwarz der abgebrannten Wälder regiert, sprießt und grünt hier in Zimbabwe alles. Ein Farbenspiel, dass an den mitteleuropäischen Mai erinnert – nur dass die Landschaft hier kein Weiß der Kirsch-, Apfel-, Birnenbäume oder Akazien zu bieten hat. Früher muss Zimbabwe unglaublich reich gewesen sein. Ein Grenzübertritt von Sambia nach Zimbabwe fühlt sich noch heute an wie eine Reise von Weißrussland nach Polen. Oder wie von der Slowakei nach Österreich. Früher hieß Zimbabwe Rhodesien, benannt nach Cecil John Rhodes, einem üblen Kolonialisten, der weiße Farmer ins Land holte. Die trotzten dem fruchtbaren Boden Reichtum ab. ![]() Natürlich auf dem höchsten Berg des Matubo-Gebirges begraben: Cecil John Rhodes, der das Land begründete. Dann aber steckten die Weißen Robert Mugabe ins Gefängnis. “Sein Kind war krank und er bat, es sehen, ihm helfen zu dürfen”, sagt Mojo. Die Bitte wurde ihm verwehrt, das Kind starb. “Mugabe hat sich dafür furchtbar gerächt: Als er die Macht übernahm, enteignete er alle weißen Farmer.” Das Land verteilte er unter seinen Gefolgsleuten. Mit bitteren Folgen für das inzwischen umbenannte Rhodesien – Zimbabwe: Die Kleinbauern waren nicht annähernd in der Lage, so effektiv wie die weißen Großgrundbesitzer zu wirtschaften. Zimbabwe, bis dato ein Agrarexporteur, musste plötzlich Lebensmittel einkaufen. Das Staatsdefizit wuchs und wuchs und leitete den Ruin des Landes ein. Auf der Liste der “zerbrochenen Staaten” des renommierten Foreign Policy Institute steht Zimbabwe aktuell auf Platz zwei. Hinter Somalia. Mojo hätte nach dem Willen seines Vaters auch Farmer werden sollen. “Aber das hat keinen Zweck mehr”, sagt der 27-Jährige. Jahr für Jahr wird es schwieriger für die Bauern, den Wetterwidrigkeiten zu trotzen. “Geophysik ist die Zukunft”, sagt der frisch gebackene Geophysiker Mojo. Zimbabwe habe reiche Erzvorkommen, gerade sei Chrom in den Bergen entdeckt worden. Und der Weltmarkt schreie nach den “Seltenen Erden”. ![]() Mojo der Geophysiker, in den Bergen des Matobo-National-Park. “Klimawandel und Wetter sind natürlich zwei verschiedene Sachen”, erklärt Mojo. Extremes Wetter wie der Hagel vor drei Wochen habe nicht automatisch etwas mit der Erderwärmung zu tun. “Aber die Erderwärmung sorgt eben dafür, dass wir immer häufiger extreme Wetter bekommen”. Mojo, der Geophysiker, sagt, die Physik des Klimawandels spielte in seinem Studium eine große Rolle. “Wärmere Luft kann mehr Wasser aufnehmen, Wasser ist ein Speichermedium für Energie.” Mehr Niederschlag bedeute also mehr Energie, die niederprasselt – mit entsprechenden Folgen. Der Rest der Reise zum Klimagipfel ist schnell erzählt: Mit dem Bus ging es ungefähr 700 Kilometer nach Johannesburg, und von dort weitere knappe 600 Kilometer nach Durban. “Welcome” hat die ganze Stadt plakatiert: Gemeint sind die Delegierten und Beobachter, die Lobbyisten und Journalisten, die den diesjährigen Klimagipfel bestreiten werden. ![]() Geschmückte Stadt: Durban heißt die Klimadiplomaten Willkommen. So wie in jedem Jahr: Auf dem Bahnhof gibt es ein “Klimazentrum”; Plakate verkünden stolz, wie viel Kohlendioxid die Bahn jährlich einzusparen hilft. Im Zentrum der Stadt wird ein Messezentrum aufgebaut, um zu zeigen, was es so alles Tolles für den Klimaschutz gibt. Man will dabeisein, bei der Rettung der Welt. Mindestens aber ein guter Gastgeber für die Klimadiplomaten. Aber haben die das überhaupt verdient? Haben die Klimadiplomaten die Ehrfurcht, die ihnen entgegengebracht wird, jemals gerechtfertigt? Zum 17. Mal trifft sich der Weltklimazirkus ab heute in Südafrikas dritter Hauptstadt Durban (die anderen beiden: Kapstadt und Johannesburg). Es ist die letzte Chance für die Klimadiplomatie, ihre Berechtigung zu beweisen: Scheitern die Delegierten der 194 Staaten wieder, machen sich die Klimadiplomaten selbst obsolet. |
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Auf die simbawische Seite geht es über diese Brücke im Taxi. Der Fahrer muss zuvor aber erst noch tanken – 2,4 Liter für 20.000 Kwacha, umgerechnet fast so teuer wie in Deutschland. Anders als Livingstone ist “Viktoria Falls” auf zimbabwischer Seite ein viel später begründeter Touristen-Ort. Die Viktoria-Fälle locken. Der Tiefe nach mit 107 Metern der größte Wasserfall der Welt.
Den Grundstein der Viktoria-Fälle legte im wahrsten Sinne des Wortes vor 300 Millionen Jahren der Vulkanismus, er überzog die Region mit extrem festem Basalt-Gestein. Dann aber begann Afrika auseinanderzdriften, zwischen dem heutigen Sambia und Simbabwe legte der Drift weniger festes Gestein frei. Den Rest besorgte das Wasser in ein paar Milliönchen Jahren.
Das jedenfalls hat Viktoria-Falls zu einem Touristen-Magneten werden lassen. Wie etwa am Varaderos Strand auf Kuba oder in St. Tropez am Mittelmeer kommen hier Einheimische in erster Linie als Touristenbetreuer vor. In Viktoria-Falls gibt es mindestens genau so viele Bleichgesichter wie Dunkelhäutige. Und die ganze Stadt funktioniert so: Das hier ist nicht Afrika, auch wenn hier vermutlich Afrikas schönster Wasserfall zu finden ist.







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