 1.000 Castorbehälter voller Atommüll produziert ein einziges Atomkraftwerk im Laufe seiner Lebenszeit – ohne dass es ein Endlager dafür gibt. Wir begeben uns deshalb mit einem riesigen Castor-Transport quer durch
Deutschland auf Endlagersuche! Und auch bei der großen Anti-Atom-Demo am 5.September in Berlin sind wir natürlich mit dabei. Hier finden Sie den Blog zur Tour. Hintergründe und mehr finden Sie auf den Seiten des Online-Netzwerks Campact
| Letzte Worte in Münster |
| von: Sarah Messina am 19. September 2009, 23:55
 Das Ende der Endlagertour durch Deutschland: Auf dem Domplatz mitten in der Innenstadt diskutieren noch einmal die Vertreter der fünf großen Parteien – Christoph Strässer von der SPD, Sebastian Herold von der FDP, Bärbel Höhn von den Grünen, Ruprecht Polenz von der CDU und Hubertus Zdebel von der Linken.
Ein sicheres Endlager, meint Zdebel, sei angesichts der alles überdauernden Strahlkraft von Atommüll ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit. “Umso größer war der Fehler, überhaupt in Atomkraft einzusteigen”. Die Erfahrungen mit der Asse – von der erst gestern bekannt wurde, dass sie noch schneller abzusaufen droht, als bisher angenommen – seien der beste Beweis.

In Sachen Gorleben diagnostiziert SPD-Mann Strässer den politischen Tod durch Engstirnigkeit. Auch sonst deutliche Worte: „Der Atomkonsens hat einen wichtigen Beitrag zur Befriedung eines gesellschaftlichen Konflikts geleistet“, so Strässer. „Wer will dieses Fass jetzt wieder aufmachen?“
Zum Beispiel Polenz von der CDU, der eine ganz eigene Art des Auseinanderhaltens feiner Unterschiede hat: Dass Deutschland Netto-Stromexporteur ist, vermag ihn jedenfalls kaum beeindrucken. Übersetzt heißt das für ihn nämlich nur eines: Wir exportieren UND importieren. Und letzteres sei nun mal eine unangenehme Sache für die Versorgungssicherheit, die derzeit nur durch Atomkraft zu gewährleisten sei.
Herold von der FDP scheint gar den Atomausstieg weltweit vorzuschlagen: Deutschland aber bitte zuletzt – um auf Nummer sicher zu gehen. Die Grüne Bärbel Höhn stürzt sich dagegen auf die Erneuerbaren Energien: „Atomkraft behindert den Ausbau der Erneuerbaren“, sagt sie: Wer sich für eine Verlängerung der Laufzeiten entscheidet, entscheidet sich auch für das Bremsen von Wind, Sonne, Wasser und Co.
Eine letzte Debatte nach 13 Tourstopps: Die Endlagersuche kann einpacken. Über 5.000 Menschen sind mit uns auf die Suche nach einem sicheren Endlager für den Atommüll gegangen und haben Druck ausgeübt auf wichtige Richtungsentscheidungen durch die anstehenden Bundestagswahl. In Berlin, Hamburg, Bremen, Hannover, Leipzig, Köln, Mainz, Frankfurt, Stuttgart, München, Nürnberg und Münster haben Atomgegner lautstark “Abschalten!” gefordert.
Überall sind wir von Umweltorganisationen, Bürgerinitiativen und engagierten Menschen tatkräftig unterstützt worden. Unser Castor hat nicht nur einige Kilometer auf dem Buckel nach dieser Deutschlandreise, sondern – hoffentlich endgültig – auch ausgedient. Jetzt heißt es auch für die große Endlagersuche: Abschalten!
| Finale Suche in Münster |
| von: Sarah Messina am 19. September 2009, 17:53
 Der letzte Tourstopp der großen Endlagersuche durch Deutschland: In elf Städen haben die Nuklearwissenschaftler bereits nach einem Ort für die sichere Einlagerung des strahlenden Mülls aus deutschen Atomkraftwerken gesucht. Auch in Münster wurde jeder Stein des historischen Stadtpflasters umgedreht.
Zur finalen Endlagersuche in Nordrhein-Westfalen scheint nach einem trüben Tag in Nürnberg wieder die Sonne: Etwa 200 Münsteraner haben sich am Hauptbahnhof zusammengekommen, um sich im Schnelldurchlauf zum Atomexperten ausbilden zu lassen. Bei Captain Atom, dem Leiter des mobilen Einsatzkommandos hat die Endlagersuche bereits Spuren hinterlassen. Strahlenschutzanzüge, Geigerzähler, Lupen und Spezialgerätschaften sind ein wenig mitgenommen von mehr als drei Wochen gründlicher Suche.

Das ändert aber nichts an der Gewissenhaftigkeit der Atomgegner aus Münster. Vom Hauptbahnhof über den Aasee bis ins Stadtzentrum wird erneut alles Boden unter die Lupe genommen. Als der Castor-Transport die Lambertikirche passiert, wird dort schon fleißig Wahlkampf gemacht: Die Parteien haben Stände aufgebaut und lassen ihre Bundestagskandidaten Rede und Antwort stehen.
In einer Woche wird mit der Bundestagswahl nicht nur über eine neue Regierung sondern auch über den Atomausstieg entschieden. In Münster ist die Position der Demonstranten zur Atomkraft und ihren Souvenirs für die Ewigkeit eindeutig: Auf dem Domplatz findet zum letzten Mal die große Bohrung zur Probe auf Endlagerqualität statt. Ergebnis: Keine Chance für ein sicheres Endlager!
| Wenn die Politik nicht aus den Puschen kommt |
| von: Sarah Messina am 17. September 2009, 18:48
 Peter Weinlich von der FDP taucht erst gar nicht auf zur Diskussion am Plärrer in Nürnberg. Seine Kollegen und Kolleginnen sind dagegen nicht nur pünktlich, sondern auch streitlustig – Ausnahmen inklusive.
Gorleben muss als Endlagerstandort weiter untersucht werden, so der Aufschlag von CSU-Bundestagskandidat Michael Frieser. Kurz vor der Bundestagswahl „leicht vergilbte Schreiben auspacken“, spielt Frieser auf das gefälschte Gutachten unter der Regierung Kohl an, das sei keine konstruktive Idee. Birgit Raab von den Grünen dagegen hat es satt: Das Gutachten belege eindeutig eine „Vertuschungs- und Verschleierungstaktik von Schwarz-Gelb in Sachen Gorleben“.
Sofort mittendrin ist auch SPD-Kandidat Martin Burkert: „Es ist doch eine Farce, erst mit der Wirtschaft eine Vereinbarung zu erlangen und dann darauf zu warten, mit einer neuen Regierung alles zu kippen“. In Sachen Atomausstieg bewegen sich die Nürnberger in gewohnten Bahnen: Alles sind – eigentlich – dafür. Nur wollen es die einen lieber ein bisschen schneller, die anderen zum Ausgleich mit mehr Kohlekraft und die anderen zum Wohle der Versorgungssicherheit lieber Über-Übermorgen als gestern.

Die FDP enthält sich des Redebeitrags. Genauso wie Gudrun Schlett von der Linken die nicht wirklich aussagekräftiges zur Debatte beizutragen weiß. Sie hält sich offenbar – immerhin im Strahlenschutzanzug – lieber im Hintergrund.
Der Schlagabtausch findet hauptsächlich zwischen CSU, SPD und Grünen statt. Eine Einigung über den richtigen Umgang mit der strahlenden Materie finden die Parteivertreter in Nürnberg jedoch genauso wenig wie die Nuklearwissenschaftler einen Ort für ein Endlager gefunden haben.
Jetzt wird es wirklich knapp mit der Endlagersuche: Nur noch ein Termin steht auf der Liste. Vielleicht werden wir im nordrhein-westfälischen Münster fündig, dem letzten Stopp unserer Tour mit dem Castor. Und wenn nicht? Dann müssen wir umso dringender aussteigen aus der Atomkraft – genauso wie es das Publikum in Nürnberg fordert: „Wir haben genug!“
| Nürnberg hält sich bedeckt |
| von: Sarah Messina am 17. September 2009, 18:18
 Die Frankenmetropole Nürnberg mag sich heute einfach nicht von ihrer sonnigen Seite zeigen. Das Wetter ist nass als wir uns am Rande des Zentrums sammeln. Außerdem sind wir leider auf der „falschen“ Seite der Stadtmauern. Über das historische Pflaster der Innenstadt darf der Tonnen schwere Castor nämlich gar nicht rollen.
Die Nürnberger Behörden hatten uns mit einer gewissen Skepsis erwartet: Offenbar hatten sich die Stuttgarter Kollegen nicht ganz so zufrieden über dem Eifer der Atomwissenschaftler geäußert. Die hatten ihr Forschungsgerät auch in allerlei Gschäfterl gehalten– im Allgemeinen durchaus zur Belustigung der neugierigen Inhaber. In Nürnberg bestand diese „Gefahr“ im Prinzip erst gar nicht: Der Demonstrationszug vom Hauptbahnhof bis zum Zielpunkt Plärrer hatte gar keine Gelegenheit zwischendurch einzukehren an der Hauptstraße. Unter die Lupe genommen wurden von den rund 200 Nürnbergern in Strahlenschutzanzügen stattdessen Fußgänger und Fahrradfahrer, zahlreiche Grünanlagen und etliche Wahlplakate, die von den Parteien in selbige gepflanzt wurden.

Am Zielpunkt, dem Plärrer, herrscht dann großer Bahnhof. Allerdings nicht nur wegen uns: Busse und Straßenbahnen kreuzen auf einer Insel inmitten mehrspuriger Straßen – für die große Probebohrung hat man uns diesen schönen Verkehrsknotenpunkt zugewiesen, auf dem uns so mancher Passagier beim Umstiegen eher irritiert begegnet. Der große Nürnberg-Test auf Endlagerqualität findet mitten im Trubel trotzdem statt. Das Ergebnis bestätigt unsere Vermutung: Nach drei Wochen erfolgloser Endlagersuche ist auch in Franken kein geeigneter Ort für die ewige Ruhe des strahlenden Atommülls zu finden.
| München bleibt entspannt |
| von: Sarah Messina am 16. September 2009, 19:23
Bei ihrer Forderungen nach der Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken sind Union und FDP recht deutlich. Geht es um die Endlagerfrage wird eher auf Ausweichmanöver nach dem Motto überall nur nicht hier gesetzt. Erst heute ging ein „vertrauliches“ Gutachten im Auftrag von Bundesforschungsministerin Annette Schavan durch die Medien: Es untersucht nicht nur den eventuellen Neubau von Atomkraftwerken, sondern empfiehlt auch, die Endlagersuche auf den Süden Deutschlands auszuweiten. Eigentlich sollte der Inhalt des Papier auch erst nach der Bundestagswahl an die Öffentlichkeit gehen.
Ein Endlager in Baden-Württemberg oder Bayern? Mechthilde Wittmann von der CSU präsentiert sich in München als nach eigenen Worten „untypische“ Vertreterin ihrer Partei. Die Endlagersuche müsse natürlich offen verlaufen. Nur: Die Wahrscheinlichkeit fündig zu werden sei im Norden einfach höher. „Deshalb bin ich auch eher entspannt“.

Schön für Frau Wittmann. Andere Töne schlagen Axel Berg von der SPD und Jerzy Montag von den Grünen an: Ersterer war im Strahlenschutzanzug mitmarschiert. Beide hatten die Gelegenheit gerne genutzt, ihre Position in diverse Kameras und Mikrofone zu sprechen. Schon in den 80er Jahren habe die Union von der Übergangstechnologie Atomkraft gesprochen, kritisiert Berg. Auch Montag hat genug vom „lavieren und lancieren“. Und meint, die lange Durststrecke des Atomausstiegs läge schon hinter uns: „In der nächsten Legislaturperiode werden sieben Reaktoren abgeschaltet“. Allerdings nur, wenn man die Rechnung ohne Schwarz-Gelb mache.
„Mit Hoffnungen werden wir unsere Kühlschränke nicht kühlen können“ – Rainer Stinne von der FDP findet dagegen die Position der Atomgegner für „unverantwortlich“. Zum einen sei niemand anderes als Rot-Grün daran Schuld, dass in Sachen Endlager über Jahre kein Fortschritt gemacht wurde. Und das jüngst bekannt gewordene Gutachten zu Gorleben aus den 80ern? Alles Wahlkampf! So einfach ist das.
Allerdings nicht durchweg. Zwischendurch bewegt sich die Diskussion am Rande der Raison: Die Verlängerung der Laufzeiten verpackt etwa Wittmann am Ende so: „Wir brauchen einen neuen Atomkonsens – außer es geschieht ein Wunder“. Eine Rückbesinnung auf Wind und Wasser statt Wunder predigt dagegen Berg: Bayern müsse endlich Vorreiter werden in Sachen Erneuerbare Energien. Auch Montag „ärgert es tierisch“, dass Parteien wie die FDP den Ausbau der Erneuerbaren blockieren würden – und gleichzeitig den derzeitigen Anteil regenerativer Energien am Strommix als Argument gegen den Atomausstieg heranziehen.
2021 soll nach derzeitigem Stand das letzte AKW vom Netz gehen: „Sie können uns doch nicht weismachen dass wir in 11 Jahren keine Lücke schließen können“, meint Henning Hintze von der Linken. Vom ewigen Wachstum müsse man sich zudem verabschieden und verstärkt auch Energie einsparen. Das Münchener Publikum stimmte vor allem beim letzten Punkt zu: „Es ist genug“.
| Zifix, lujah sag i |
| von: Sarah Messina am 16. September 2009, 18:19
 Kurz vor Beginn des Oktoberfests ist die ganz München schon auf „die Wiesn“ eingestellt: Blau-weiße Fahnen wehen überall, während farblich abgestimmt CSU-Wahlkampfplakate dazu auffordern die „richtige Wahl“ für Bayern zu treffen.
Die Kontroverse liegt heute mehr denn je in der Natur der Sache. Vor dem Sendlinger Tor werden die Aktivisten schon ungeduldig, während mit der Polizei noch letzte Auflagen verhandelt werden müssen. Das dauert etwas länger und muss genauestens ausdiskutiert werden – schließlich sind wir im Freistaat Bayern und hier herrscht vor allem eins: Ordnung. Wie in Stuttgart dürfen nur die Atomfass-Trommler den zur Strahlenschutz-Ausrüstung zugehörigen Mundschutz tragen. Zum Schutz der Biergärten dürfen die Lautsprecher auf dem Truck nur in eine bestimmte Richtung schallen.

Auch innerhalb der Demonstranten startet sofort die Debatte: Vor den Castor hat sich ein Geistlicher verirrt, der vehement die Atomenergie verteidigt. Mit dem altbekannten Argument der Stromlücke: Werden die Atomkraftwerke vom Netz gewonnen gehen die Lichter aus – Gott bewahre. Der ungläubige Thomas stellt sich der Diskussion mit den Atomgegnern – und mag schließlich wenigstens zugeben, dass es so einfach nun auch nicht ist mit der Atomenergie.
Bundestagskandidaten der SPD und der Grünen mischen sich zur Demo in die Menge. Die Gelegenheit ist günstig: Das Medienaufgebot ist groß in München. Kameras, Mikrofone und Fotografen weichen dem Castor nicht von der Seite. Mit 300 Nuklearexperten ziehen wir über den Karlsplatz bis zum imposanten Odeonsplatz direkt vor den Hofgärten – Bayern ist zwar nicht gerade dafür bekannt sich um ein Endlager zu reißen, aber auch hier wird natürlich ergebnisoffen gesucht.
Aber: Die Probebohrung ergibt wieder nur die Untauglichkeit als Endlager für Atommüll. Da bleibt eigentlich nur noch eins, meint Engel Aloysius, subversives Kulturgut der Münchner, der sonst seine bierselige Glückseligkeit im Hofbräuhaus sucht: Dann schaltets halt aus endlich – Zifix luja sag i!
| Stuttgart beißt auf Ton und Granit |
| von: Sarah Messina am 15. September 2009, 20:13
 “Mit ihrer Einstellung hätten wir ein Problem“ – Karin Maag von der CDU ist irritiert vom Einwand der Atomgegner, es könne kein sicheres Endlager geben. Irgendwo müsse der täglich neu entstehende Atommüll schließlich hin. Die Frage um Gorleben und die Atomkraft, so klingt es, kann man demnach getrost der CDU überlassen: „Wir sind ja schließlich nicht dämlich und betreiben eine verantwortungsvolle Politik“.
Ach so: Alles nur ein Missverständnis. Auch Alexander Schopf von der FDP sagt „ich bin für den Atomausstieg“ – nur eben nicht so schnell. Für den Stand der Endlagersuche können die Liberalen jedenfalls nichts: Das hat demnach allein Rot-Grün verklüngelt. In Stuttgart dreht sich die Debatte auf dem Schlossplatz mal wieder um den verantwortungsvollen Umgang mit Deutschlands Versorgungssicherheit in Sachen Energie. Den würde das Publikum CDU und FDP allerdings nicht so ohne weiteres bescheinigen.
Ein aufschlussreicher Nachmittag von wegen Stromlücke: Schopf wundert sich, dass Deutschland mit acht Atomkraftwerken noch Strom exportieren konnte. Und rettet sich in die Formulierung „Wir müssen die Atomkraftwerke so lange am Netz lassen, wie sie wirklich gebraucht werden“. Komisch: Maag scheint das Phänomen Stromexport ebenfalls relativ neu zu sein. Was sie mit einer Beschwerde über die Moderationstechnik von Christoph Bautz pariert.
Ute Vogt von der SPD erteilt Nachhilfe – nicht in Moderation, sondern in Grundwissen zum Atom-Stromexport. Auch die Grünen greifen an, statt wie geplant Cem Özdemir spricht in Stuttgart jedoch Andrea Lindlohr. Der Ausstieg ist nicht verhandelbar: Darin sind sich Sozialdemokraten und Grüne einig. Etwas schneller hätte es allerdings Ulrich Mauer von der Linken gerne. Leider wolle mit ihm niemand regieren: „Für einen sofortigen Ausstieg sind wir nämlich das geringste Problem“.
Von unhaltbar bis schwierig: In der Debatte um den Endlagerstandort räumen mittlerweile alle Parteien wenigstens Bedenken ein. Gorleben als Endlager-Standort ist unhaltbar“, sagt Vogt. Die Suche nach einem Endlager müsse aber weitergehen – und das werde nicht jedem gefallen. Endlagersuche auch in Baden-Württemberg? Klar, versichert Christdemokratin Maag. Aber noch ist ja nicht aller Tage Abend: Gorleben müsse weiter untersucht werden. Über Jahrzehnte haben schließlich Gutachten nicht anderes als die Eignung belegt. Echte Probebohrungen in Baden-Württemberg? Für CDU und FDP scheint das in sicherer Ferne.
| Der Dreck anderer Leute |
| von: Sarah Messina am 15. September 2009, 17:43
 Leicht gemacht hat es uns Stuttgart nicht: Die Endlager-Demo muss in Baden-Württemberg strengen Auflagen genügen. Eigentlich gehört etwa zur Ausrüstung der Nuklearwissenschaftler nicht nur der „Strahlenschutzanzug“ sondern auch ein Mundschutz. Viel zu gefährlich, meinen offenbar die Stuttgarter Behörden, die dieses Privileg nur zehn Leuten zugestehen wollen – unter Angabe ihres vollen Namens. Die mit „de Trommelstäb“ können schließlich diese Schutzmaßnahme ergreifen – also die Trommler auf den Atomfässern. Ganze fünf Stück erlaubt uns Stuttgart über die Straßen zu rollen, eskortiert von jeweils zwei wahrscheinlich suspekten Trommlern in voller Wissenschaftlermontur.
Vom Mundschutz zum Maulkorb: Auch alles was laut ist kommt in Stuttgart nicht besonders gut an. Anders als bei sämtlichen anderen Stationen der Tour darf auf dem Castor hier während des Protestszugs keine Musik spielen. Und die große Probebohrung auf dem Schlossplatz muss „simuliert“ werden – den Bohrer dürfen wir erst gar nicht anschmeißen. Gewußt wie: Der Bohrlärm kommt diesmal aus der Dose. Dass Stuttgart die Endlagersuche wohl lieber im Stillen abgehandelt hätte, ändert sich aber letztendlich nichts an der Lautstärke der knapp 250 Demonstranten.
Die Stuttgarter Wissenschaftler des Sondereinsatzkommandos sind schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Im Gegenteil: Sie suchen gründlich – und finden zum Beispiel neben Uranium auch “Merklin” und “Westerwellin” bei ihren Messungen. Und an Ideen für ein Endlager mangelt es nicht: Der umstrittene Bahnhofsneubau Stuttgart 21 soll herhalten als Absteige für den strahlenden Müll. Oder noch besser: Die CDU-Zentrale. Die liegt zufällig genau auf dem Weg – und wurde von de Verantwortlichen – anders als etwa die Asse – auch vorsorglich dicht gemacht.
Auf dem Schlossplatz angekommen zeigt sich Stuttgart wieder von seiner besten Seite: Sogar die Sonne kommt für ein Weilchen heraus um ein wenig Licht ins Dunkel der baden-württembergische Nachbarschaft der Atomkraftwerke Philippsburg und Neckarwestheim zu bringen. Erneut haben die Atomgegner einen starken Auftritt aufs Parkett gelegt: Auch ohne Musik, Mundschutz und richtige Probebohrung. Übrigens ist auch Stuttgart nicht als Endlager für Atommüll geeignet. Das Urteil der Demonstranten ist deshalb eindeutig: Abschalten! Wer nicht hinter sich aufräumen kann, soll gefälligst erst gar keinen Müll produzieren.
| Fehler werden in der Vergangenheit gemacht |
| von: Sarah Messina am 12. September 2009, 23:27
 Heute wird mitten in der Frankfurter Innenstadt diskutiert. Als die Endlagersuche vor der Hauptwache ankommt, sind die Partien schon da: Wir platzen nicht umsonst mitten in die heiße Wahlkampfphase. Und am Samstag nachmittag lässt sich zwischen Shopping und Cappucchino natürlich das ein oder andere Bonbon an den Mann bringen. Aber dann kommen wir: 300 laute Demonstranten und der riesige Castor-Transport.
Die Debatte bewegt sich heute zwischen größtem anzunehmenden Unsinn und der Erkenntnis, das Fehler in der Vergangenheit gemacht werden. Eigentlich nichts neues, aber dennoch Grund genug für die Frankfurter in Rage zu geraten. Der Klassiker „Deutsche AKWs sind sicher“ wird mit Buhrufen auf dem Publikum quittiert. Auch schön: Es gibt keine Gutachten, die Gorleben als Endlager in Frage stellen – so gehört vom CDU-Mann Matthias Zimmer. Der die Schuld für den Stand der Endlagerfrage außerdem klar dem SPD-Bundesumweltminister Gabriel in die Schuhe schiebt: Wäre der so hartnäckig wie die Antiatombewegung wäre man in Sachen Atommüll sicher schon viel weiter. SPD-Mann Gregor Amann findet das nicht so lustig.

Rolf Würz von der FDP weiß zu beschwichtigen: Alles in allem gibt es demnach heute keinen wirklichen Grund zur Beunruhigung: Fehler seien in der Vergangenheit gemacht worden. „Gorleben ist ein Problem dass sich die Politik selbst geschaffen hat“, sagt Würz. Die Einigung auf den Standort Gorleben sei weniger eine fachliche als eine politische gewesen. Soviel zum Endlager. In Sachen Atomkraft jedoch sei sein „Glaube an die deutschen Ingenieure“ ungebrochen.
Dagegen setzt Christine Buchholz von der Linken die Forderung nach dem sofortigen Atomausstieg. Und Martina Feldmayer von den Grünen spricht gar vom größten anzunehmenden Unsinn. Wobei sie nicht ganz unrecht hat, ist doch plötzlich die Rede von 150 neuen Atomkraftwerken, die weltweit neu gebaut würden. Die Internationale Atomaufsicht spricht dagegen von lediglich 35.
Das Publikum setzt jedenfalls auch nach der Endlagersuche den lautstarken Auftritt fort und sorgt für zahlreiche verbale Attacken und Kommentare. Für die Frankfurter sind die Wahlkampf-Bonbons von Schwarz-Gelb offenbar nichts als bittere Pillen. Und die mag niemand gerne schlucken.
| Frankfurt gibt Stoff |
| von: Sarah Messina am 12. September 2009, 20:16
 Der Druck wächst: Nur noch fünf Termine auf unserer Endlagersuche. Und noch immer konnten wir kein geeignetes Lager finden für die Millionen Tonnen Atommüll, die deutsche Atomkraftwerke produzieren. Frankfurt muss sich deshalb hohen Erwartungen stellen – und lässt zu hunderten zur Suche nach dem Endlager anrücken.
Die Stimmung ist grandios: Frankfurt ist mit Sicherheit einer der lautesten Standorte der Endlagersuche. Die Trommler auf den Atommüll-Fässern geben den Takt vor während die Nuklearwissenschaftler das Mainufer untersuchen. Sogar der Frankfurter Kaiserdom hat sich in einen weißen Strahlenschutzanzug gesteckt.

Vom Ufer zieht der Castor durchs Finanzviertel in die Stadt. Frankfurt setzt in Sachen Architektur auf Höhe – was dem Endlagerzug auch viele Zuschauer aus den oberen Etagen beschert. Vielleicht könnten die nächsten Skyscraper auf einem Atommüll-Fundament gebaut werden? Die Wissenschaftler nehmen jede Möglichkeit unter die Lupe: Zwischen Parfümerie und Kanalisation bleibt die Suche allerdings ohne Erfolg. Vielleicht kann ja Flughafenbetreiber Fraport den Atommüll beim umstrittenen Ausbau des Rhein-Main-Airports versenken, schlägt einer der strahlenden Experten vor.
Alles hängt jetzt an der großen Probebohrung vor der Hauptwache. Ein letztes Mal konzentrieren sich die Nuklearexperten und gehen Frankfurt im wörtlichen Sinne auf den Grund. Das Ergebnis ist eindeutig: Keine Chance für ein Atommüll-Endlager. Die Stimmung könnte trotzdem besser nicht sein. Sogar die Polizei scheint in Frankfurt ihren Spaß an der Demo zu haben– und das Ordnungsamt verpasst dem Castor fast einen Strafzettel für Falschparken. Alles nur im Scherz versteht sich. Aber irgendwie ist ja was dran.
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