Die Kalenderwoche 6/2010: In Kopenhagen war ein Klimaabkommen zum Greifen nah – Heute sind mit UNFCCC und IPCC die beiden wichtigsten Klima-Institutionen angezählt. Immer weniger Amerikaner glauben an den Klimawandel
Noch vor Wochen schien ein Weltklimaabkommen zum Greifen nah. Doch jetzt schlägt das Pendel in die andere Richtung aus: Die US-Klimaskeptiker fühlen sich durch einen Fehler im IPCC Bericht bestätigt und hoffen das US-Klimagesetz verhindern zu können.
Die beiden wichtigsten Institutionen im Kampf gegen den Klimawandel sind angezählt. Erst konnten sich die Staaten der Welt in Kopenhagen nicht auf einen neuen Weltklimavertrag einigen, sondern haben ein inhaltlich dünnes und rechtlich belangloses Papier verabschiedet. Viele Kommentatoren bezweifeln daher, ob der Versuch des UN Klimasekretariats UNFCCC einen Konsens zwischen mehr als 190 Ländern zu erzielen, sinnvoll und machbar ist. Und nun kommen das Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC und dessen Chef Rajendra Pachauri unter Druck. Das Panel, auf dessen wissenschaftlichen Analysen die internationale Klimapolitik beruht, hat sich als fehlbar erwiesen. Während die Ende letzten Jahres gestohlenen Privat-Emails von Klimaforschern noch keinen allzu grossen Flurschaden anzurichten vermochten, wächst sich die Fehlprognose über das Abschmelzen der Gletscher im Himalaya zu einem PR-GAU aus. Mittlerweile verlangt sogar der Chef der britischen Greenpeace Sektion, John Sauven, den Rücktritt Pachauris. Das IPCC „braucht jemanden mit hohem Ansehen und guter Urteilsfähigkeit, der von der globalen Öffentlichkeit als auf ihrer Seite stehend wahrgenommen wird.“ sagt Sauven. Und Pachauri erfüllt für ihn diese Kriterien nicht mehr.
Der Umgang mit Fehlern ist entscheidend
Dabei geht es längst nicht mehr um den Fehler selbst: Der IPCC hatte geschrieben, die Gletscher im Himalaya würden bis 2035 abschmelzen, was nicht stimmt. Sondern es geht um den Umgang mit dem Lapsus: „Fehler passieren immer, aber wie man mit Fehlern umgeht, entscheidet über die Glaubwürdigkeit einer Institution.“ sagt Sauven. Und Glaubwürdigkeit ist die Währung des IPCC. Nur wenn auf die Erkenntnisse des Wissenschaftlerrates Verlass ist, lässt sich sinnvoll über Klimapolitik diskutieren. Und mit der Glaubwürdigkeit des IPCC ist es zumindest in den USA mittlerweile schlecht bestellt. Das Problem in den USA: Für viele Amerikaner ist die Existenz des Klimawandels keine erwiesene Tatsache sondern eine politische Frage, wie etwa der EU Beitritt für die Schweizer. In dieser Logik gibt es dann natürlich auch keine unabhängigen Wissenschaftler sondern nur Lobbyisten für die eine oder andere Meinung. Und wenn dann der Chef des IPCC, abgehärtet durch die vielen Angriffe auf seine Arbeit und Person, Kritik einfach beiseite zu wischen versucht, bestätigt das die Klimaskeptiker.
In den USA ist der Klimawandel vor allem eine politische Frage
Die zunehmende Verunsicherung schlägt sich auch in Umfragen nieder. Der Anteil der US-Bürger, die glauben, dass der Klimawandel tatsächlich stattfindet ist um 14 Prozentpunkte auf 57 Prozent gefallen. Und mittlerweile sieht nur noch eine Minderheit von 47 Prozent den Menschen und dessen Treibhausgasemissionen als Hauptgrund für die Erwärmung, wie eine Meinungsumfrage der Yale Universität zeigt. „Trotz wachsender wissenschaftlicher Hinweise, dass der Klimawandel schwerwiegende Folgen weltweit haben wird, bewegt sich die öffentliche Meinung in die entgegengesetzte Richtung.“ sagt Anthony Leiserowitz von der Yale Universität, die die Umfrage durchgeführt hat.
Diese Entwicklung ist fatal, denn der internationale Kampf gegen den Klimawandel hängt von nichts mehr ab, als der Verabschiedung des US-Klimagesetzes. In Kopenhagen hat Obama versprochen die CO2 Emissionen um 17 Prozent gegenüber 2005 zu senken. Diese Zusage steht aber unter dem Vorbehalt, dass der US-Kongress ein entsprechendes Klimagesetz verabschiedet. Geschieht dies nicht, beinhaltet die Kopenhagener „Übereinkunft“ keine US-Emissionsreduktionen mehr und der Versuch, eine multilaterale Lösung für das Klimaproblem zu finden, wäre wohl gescheitert. Nicht nur für Rajendra Pachauri steht derzeit also viel auf dem Spiel.
(Foto: World Economic Forum)


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