Von Marburg nach Marokko: Mit dem Fahrrad machen sich Christoph Grober, Jakob Vörckel und Matthias Klaßen vom 23. August bis zum 6. Oktober auf den Weg, dem Phantom “Klimaflüchtling” auf den Grund zu gehen. Denn trotz alarmierender Prognosen finden sich bisher weder in der Genfer Flüchtlingsrahmenkonvention noch in der Asylrechtspraxis Hinweise und Rahmenrichtlinien für den Umgang mit Klimaflüchtlingen. Auf der 3.000 Kilometer langen Strecke will sich das Team Klimaflüchtling selbst ein Bild machen von den Folgen des Erderwärmung und mit Betroffenen und Experten ins Gespräch kommen
| Die letzten Tage: Ceuta und Tanger |
| von: matthiasklaen am 11. Oktober 2009, 00:38
 Nachdem wir den größten Teil in Marokko zurückgelegt hatten, fehlten nur noch ca. 150 km bis nach Tanger, wo wir unsere Reise beenden wollten. Der Weg führte uns über die spanische Enklave Ceuta. Auf dem letzten Stück der Strecke war unser Ziel noch einige letzte Interviews zu führen und unsere Eindrücke zu verarbeiten.
Von Martil nach Ceuta führte die Strecke immer am Meer entlang. So ähnlich hatten wir uns eigentlich die ganze Strecke in Marokko vorgestellt. Da wir aber eine Karte im Maßstab 1:500.000 hatten, waren wir häufiger einige Kilometer im Inland als an der Küste. Dies bedeutete ein permanentes Hoch und Runter, und da man runter fast 10mal so schnell ist, kam es einem wie ein ständiges Bergauffahren vor. Als Trainingslager sicherlich zu empfehlen.
Je näher wir nach Ceuta kamen, desto moderner wurde Marokko.
 Unterwegs im "modernen" Marokko
Es war mit nichts zu vergleichen, was wir bisher gesehen hatten. Nur 50km hinter uns lagen Örtchen, die in der Entwicklung gute 100 Jahre zurück waren. In einigen Dörfern gab es nur Brunnen und keine Wasserleitungen etc., nun konnte man kaum einen Unterschied zu Südspanien feststellen. Es war einfach absurd. Wie in einem Zeitraffer wurden einem die Vorzüge und der Komfort der Zivilisation vorgehalten. Obwohl man sich in dem absolut untouristischen Teil Marokkos, durch den wir gefahren waren, manchmal unwohl gefühlt haben, konnte man sich dennoch von diesen prunkvollen Straßen, Häusern und Autos nicht begeistern lassen. Es fehlte jede Spur von Authentizität. Ich war einfach perplex und sprachlos, dass es solche massiven gesellschaftlichen Unterschiede innerhalb weniger Kilometer geben kann.
Einen Vorzug hatte es aber dann doch- alle Welt sprach wieder Französisch oder Spanisch, sodass es uns wenigstens möglich war, uns zu kommunizieren und das ein oder andere Gespräch zu führen.
Die Grenzpassierung war dieses Mal kein Problem, in Melilla war dies ja nicht der Fall gewesen. Ehrlich gesagt habe ich mir die Grenze noch wesentlich militarisierter vorgestellt, als sie ist. Vielleicht ist das aber auch nur der Schein, da bestimmt einige digitale Medien zur Überwachung benutzt werden. Es gab zwei Zäune, einen auf marokkanischer und einen auf spanischer Seite, dazwischen einen ca. 20m Streifen Niemandsland.
 2 Grenzzäune bei der Passierung Marokko-Ceuta
Wirre Sequenzen von möglichen Versuchen der illegalen Passierung schwirrten in meinem Kopf herum. Wir hatten schon von mehreren Möglichkeiten gehört. Zum einen werden Leitern gebaut, die in der Nacht an die Zäune bzw. Mauern gestellt werden, oben auf den Stacheldraht wird dann Kleidung, Decken oder sonstiges gelegt und dann auf die andere Seite gesprungen. Es werden mehrere Leitern dann mitgenommen, damit auch der zweite Zaun passiert werden kann. Es ist auch schonmal vorgekommen, dass sich 50 Flüchtlinge/Migranten zusammen getan haben und einfach die Grenze im Sprint passiert haben. Davon werden dann 10% direkt gefasst und die anderen kommen auch nicht weit. Des Weiteren wird geschwommen, die, die nicht schwimmen können probieren zum Teil mit Luftmatratzen übers Meer zu kommen… Als Europäer muss man einfach nur nett Lächeln, Hände schütteln, und schon ist man in Afrika. Natürlich freut man sich, wenn alles reibungslos verläuft, aber es ist auch beschämend, wenn man sieht, was Menschen aus anderen Ländern für Probleme bei der Einreise haben.
Schon waren wir in Ceuta, plötzlich traf einen wieder der Schönheitswahn in der westlichen Welt.Ich habe mich wirklich wie in einem Film gefühlt, natürlich nur al Statist, die Protagonisten waren allesamt hübsch, gestylt und rochen gut. Am Strand Frauen nur in Tangas, Männer die mit freiem Oberkörper die Promenade entlang joggten.
Nach diesem kurzen Kulturschock fuhren wir zu einer Organisation, die Sich mit Einwanderern beschäftigt: Asociacion Elin. Dort wollten wir ein Interview führen, um mehr über die Enklaven und das Leben von illegal eingereisten Migranten zu erfahren. Leider waren alle Verantwortlichen in Madrid. Als wir kamen hatte gerade ein Sprachkurs angefangen. Wir warteten diesen ab und kamen danach, wenn auch nur kurz, mit einigen Migranten ins Gespräch. Ein Senegalese, der schon ziemlich gut Spanisch sprach, erzählte mir, dass er erst seit 9 Tagen in Ceuta war. Er ist frühmorgens rübergeschwommen, nachdem er vor sieben Jahren im Alter von 16 aus Senegal geflohen ist, da Krieg war. Ich fragte ihn, ob er denn zurückgehen wolle. Er sagte entschieden nein. Seine Familie existiere seit dem Krieg nicht mehr und er hätte keine Möglichkeiten sich dort zu entfalten. Er erzählte dies in einer so lockeren Art, als ob es das natürlichste der Welt wäre. Mit einem Zwinkern und einem breiten Grinsen verabschiedete er sich- er müsse nun gehen- und legte seine Hand um die Schultern eines Mädchens. Die Positivität von ihm und den Anderen fand ich bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass die meisten einige unmenschliche Dinge erlebt haben. Ich wünsche ihnen jedenfalls alles Gute.
Daraufhin suchten wir uns eine Hostel und setzten uns zum Abendessen an die Straße in der Einkaufszone. Man fühlte sich fast wie ein Aussätziger, da man nicht am großen Einkaufen teilnahm. Es ist einfach befremdend, wenn man kurz davor über die Schicksale einiger Menschen gehört hat, die in eine Welt kommen möchten, wo das Motto der meisten „Kauf dich glücklich“ ist, oder zumindest so gelebt wird. Natürlich kann ich mich davon nicht ausschließen und kritisiere mein eigenes Handeln im gleichen Maße.
Am nächsten Tag ging es dann schlussendlich nach Tanger nach einem Frühstück mit Blick auf die spanische Küste.
 Blick nach Europa; die Straße von Gibraltar
Die Fahrt über begleiteten mich zwei Stimmungsbilder: Die Freude, etwas geschafft zu haben, und das melancholische Gefühl, Abschied nehmen zu müssen bzw. mit der Reise auch in gewissem Maße abzuschließen. Wir kamen Tanger immer näher, und dann waren wir da. Kein Radfahren mehr, etwas, dass uns die letzten Wochen ausgemacht hat, sogar unsere Identität, war nun vorbei. In dieser großen Stadt mussten wir uns erstmal zurechtfinden. Durch Zufall fanden wir eine Pension, die ich hier nennen möchte, da sie sehr zu empfehlen ist: Safari. Eine alte jüdische Klinik, die von Ahmed, einem älteren Araber, übernommen wurde. Das Haus befindet sich noch fast in originalem Zustand und besitzt sehr viel Charme. Des Weiteren sind auch die Gastwirte sehr offen und nett, mehr als 3 Generationen arbeiten und leben dort. Mit Ahmed und seiner Mutter konnte man allerhand interessante Gespräche führen. Er war sehr ehrlich, humorvoll und in bestimmter Weise väterlich. Die Gespräche drehten sich hauptsächlich um den Koran, Gott bzw. Allah, Glaube, Bildung usw.
Dieses Haus ist eines der wenigen, welches einen Vorgarten mit großen Bäumen besitzt. So war es für uns immer direkt erkennbar. Ahmed wir oft darauf angesprochen, die Bäume doch abzuschneiden, sie würden ja eh nur Arbeit verursachen und er könne mit einer Teleboutique oder Sandwicherie sogar noch zusätzlich Geld verdienen. Er antwortet dann immer- jaja, keine schlechte Idee- weil er die Leute nicht vor den Kopf stoßen möchte.
Hier konnten wir wunderbar entspannen und uns von den Strapazen der Reise erholen.
Außer einem weiteren Interview und zum Bazar gehen stand auch nichts mehr auf unserer To-Do-Liste.
Das Interview führten wir mit Helena Maleno, einer spanischen Journalistin, die sich im Bereich Sozialforschung spezialisiert hat, insbesondere das Thema Migration mit den Schwerpunkten. In den letzten Jahren hat sie dabei mit Minderjährigen und Frauen gearbeitet, die missbraucht wurden. Sie ist eine der Verantowortlichen der Organisation MIGRINTE, die unter anderem von westafrikanischen Ländern Aufträge erhält, zu beleuchten, was beispielsweise mit Minderjährigen und Frauen auf der Durchreise bei ihrer Emigration passiert. Was Helena uns zum Teil erzählte war einfach grauenhaft. Die Individualschicksale und Geschichten waren zum Teil so hart, dass sie einen nicht im geringsten emotional berührten, oder zumindest mich nicht, da sie zu surreal waren. Helena ist in diesem Bereich unter den Migranten so beklannt wie ein Rockstar, sie wird angerufen bei Problemen usw. und kennt fast alle 8000 Migranten in Marokko. Sie erzählte uns von Leuten, die sie angerufen haben, und anscheinend ihre Nummer schon vor der Abreise bekommen haben, „ruf diese Nummer an, wenn du Probleme hast“. Nach über neun Jahren Arbeit in diesem Bereich, ist sie nicht mehr wegdenkbar.
 Interview mit Helena von MIGRINTE
Ein wichtiger Punkt in unserem Interview war, was sie meint, was getan werden müsse von Seiten der EU, um den Menschen zu helfen und wie mit Migranten umgegangen werden müsse.
Für sie sind folgende Sachen von besonderer Wichtigkeit:
- die Demilitarisierung der Grenzen (die Militarisierung führe nur zu einem professionellen und korrupten Menschenhandelssystem, da Individualrouten kaum noch existieren, dafür werden Mafiosi-Strukturen umso stärker, die die Migranten noch jahrelang kontrollieren)
- globale Hilfe statt punktuelle (Präventivarbeit leisten, auch NGOs sollten globaler und in größeren Netzwerken arbeiten)
- Tranzparenz und Kontrolle der Multinationalenkonzerne (sie sind zum Teil mächtiger als die mächtigsten Regierungen und oftmals an gewissen Konflikten beteiligt, da sie Rohstoffe brauchen und wollen aus Krisengebieten; der Film Blood-Diamonds stellt dies gut dar und ist übertragbar auf andere Ressourcen)
- Die Gesetze, die es gibt, einzuhalten, erweitern und auch Drittstaaten auzuerlegen, damit Menschenrechte eingehalten werden
- grenzenlose Bewegungsfreiheit (d.h., dass Menschen dahinreisen/-migrieren können, wohin sie möchten; vielleicht scheint dies als unmöglich oder absurd für manche Menschen, aber Produkte der Multinationalen Konzerne werden auch grenzenlos gehandelt, der Kapitalismus arbeitet global, wie kann man Menschen verbieten, über bestimmte Grenzen zu gehen? In Afrika gibt es diese Migrationsfreiheit seit jeher, beispielsweise gibt es Ströme in Mauretanien von Volksgruppen aus 14 anderen Ländern, die sich verzeichnen lassen. Nun möchte die EU, dass alle diese Grenzen überwacht werden, und jeder registriert wird. Dies stellen alles kleinere Schranken auf dem Weg nach Europa dar, ob diese Politik der Abschottung in Zukunft bestand hat, bleibt abzuwarten, aber ich stehe diesem sehr kritisch gegenüber)
Zum Thema Klimaflüchtlinge explizit konnte sie uns leider keine sehr genauen Informationen geben. Es fliehen zwar viele Menschen auf Grund der klimatischen Veränderungen, sie würden auf den Papieren aber „economic refugee“ angeben. Dies tun sie, wenn sie vorher nicht aufgeklärt worden sind, dass Klimaflüchtlinge rechtlich keinen Anspruch auf Asyl haben. Das Phänomen, dass Menschen dieses Grund angeben, nimmt aber doch sehr zu in den letzten Jahren, teilte Helena uns mit.
Dieses Interview war unglaublich lehrreich und spannend und wir können viel mitnehmen. Helena hat eine tolle Persönlichkeit, ich hoffe sie macht diese Arbeit noch viele Jahre weiter.
Natürlich mussten wir noch ein paar Mitbringsel besorgen, dafür eignete sich der Bazar hervorragend, nur dass man sehr lange handeln muss, um einen guten Preis zu bekommen. Dafür hat man später den Respekt des Verkäufers sicher.
Von Tanger ging unsere Fähre nach Genua, und von dort aus mit einem Zug nach Milano und weiter im Nachtzug nach Frankfurt. Diese Fahrt war eine richtige Odyssee und dauerte über 4 Tage, alles der Umwelt zu Liebe. Solche Entscheidungen muss man aber vorher treffen, da, wenn der Komfort schwindet, auch der Idealismus und die eigenen Prinzipien darunter leiden.
Danke an alle aufmerksamen Leser. Wir hatten eine tolle Tour, des Weiteren viele Eindrücke und Motivation für weitere Arbeit im Gepäck!
| Von Melilla entlang der Küste von Marokko |
| von: Christoph Grober am 05. Oktober 2009, 09:09
 Die Radtour geht ihrem Ende entgegen. Die letzten 500 Kilometer führen zwischen den beiden spanischen Enklaven Melilla und Ceuta an der Küste entlang. Entlang dieser steilen Küste entdeckt man malerische Ausblicke, einsame Bergdörfer und die eigenen Grenzen.
Wegen einer unfreiwilligen Nacht in Malaga – Samstag ist der einzige Tag der Woche, an dem die Fähre nicht nach Melilla fährt – hatten wir am nächsten Tag die Möglichkeit, uns die Stadt anzuschauen. Wie zur Entschädigung war „Touristentag“ und wir konnten umsonst in alle Museen gehen.
Um elf Uhr Abends fuhr dann die Fähre, die uns über das Mittelmeer nach Melilla, einer der beiden spanischen Enklaven, bringen sollte. Mein letzter Gedanke, bevor ich auf meiner Isomatte unter einer Dreiherreihe von Sitzen einschlief, war: „ Und diese Strecken versuchen Flüchtlinge mit kleinen Booten oder sonstwie zu überwinden“. Der Kontrast von der dröhnenden Sicherheit der riesigen Fähre sowie der Wärme meines Schlafsacks zu den Bedingungen, die diese Menschen auf sich nahmen, ließ mich schaudern.
Am nächsten Morgen kamen wir früh in Melilla an. Die Stadt war eine Überraschung. Hatte ich ein brodelndes Chaos und einen afrikanischen Kontinent erwartet, wurde ich enttäuscht. Es war kein Unterschied zu Spanien festzustellen. Ob Menschen, Läden, sogar die Steine der Fußgängerwege waren gleich.Als wir jedoch in Richtung Grenze fuhren, änderte sich dies schlagartig.
Der Grenzzaun von Melilla
Es war als würde man beim Fahren einer Stadt im Zeitraffer beim Zerfall zuschauen. Zunächst bröckelte die Farbe von den Häuserwänden und nach dem Grenzübertritt war alles völlig anders. Plötzlich waren die Straßen schlecht und die Häuser zerfallen. Wir teilten uns die Straße mit alten Autos, LKWs, aber auch mit merkwürdigen dreirädrigen Transportmitteln und maultiergezogenen Karren.
 Ein typisches Transportmittel in Marokko; der Maultierkarren
Wir mussten uns an einiges gewöhnen. Die Marokkaner sprachen zwar neben Arabisch auch häufig Französisch und Spanisch, aber nur bruchstückhaft. Die einfachen Zeiten, in denen uns Matzes fließendes Spanisch sicher und elegant durch jede Situation führte, waren vorbei. Alles war etwas mühseliger, wie wir bei dem Versuch eine Karte von Marokko zu kaufen, schnell feststellten. Schließlich fanden wir doch noch eine Karte, bei der ein Zentimeter allerdings knapp 25 Kilometer entsprach und nur die größeren Städte eingezeichnet waren. Fürs Fahrradfahren nicht optimal, wie wir noch feststellen sollten.
Das Wetter überraschte uns wirklich. Statt Hitze und Sonnenschein hatten wir Regen. Viel Regen. Während das Wasser in Sturzbächen vom Himmel fiel und die Straßen überflutete, machten wir uns auf die Suche nach der Straße, die uns die Küste entlang von Melilla nach Ceuta führen sollte. Links und rechts an den Seitenstraßen hatten sich viele Marokkaner – vernünftigerweise – untergestellt und betrachteten uns neugierig und sicherlich auch etwas belustigt. Zwei Radfahrer mit Gepäck und das im strömenden Regen! Wir waren immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wurden lautstark angefeuert und bekamen häufig ein „Daumen hoch“. Dies sollte uns auf unserem Weg noch begleiten.
 Folgen des Dauerregens; vo einem Fluss ausgespültes Sediment im Meer
Die Fahrt entlang der Küste Marokkos hatte etwas Merkwürdiges. Rechts das Meer und – nah aber doch unsichtbar – Europa, während sich links mit Schotter übersäte Hügel türmten. Überhaupt war unser Weg viel hügeliger, als wir es von einer Küstenstraße erwartet hatten. Gegen frühen Abend hörte dann auch der Regen auf, die Sonne ließ alles in freundlichem Licht erscheinen und ich war glücklich.
Nur ein Problem kristallisiert sich heraus: Unser Schlafplatz. Das Dorf in dem wir bleiben wollten hatte nach Aussage der Polizisten, die davor standen, keine Übernachtungsmöglichkeiten. Auf unsere Nachfrage sagten sie uns allerdings, dass es kein Problem wäre, am Strand zu übernachten. So fuhren wir weiter in die Dämmerung hinein. Einen Schlafplatz an der Steilküste zu finden war allerdings gar nicht so einfach.
Kurz vor dem Dunkelwerden hatte ich dann den ersten Platten meiner Tour und wir entschlossen uns, in der Bucht, in der wir gerade angelangt waren, unser Nachtlager aufzustellen. Der Küstenabschnitt wurde allerdings von einem Militärposten überwacht. Wir fragten ihn, ob wir am Strand unser Zelt afbauen könnten. Das war recht schwierig, weil er so gut wie kein Französisch oder Spanisch sprechen konnte. Schließlich hatte er uns jedoch verstanden und sprach danach für geraume Zeit wichtig in sein Funkgerät. Nach scheinbar endlosen hin und her machte er uns klar, dass wir da übernachten könnten, aber nur, wenn er unsere Pässe als Sicherheit einbehalten könnte. Die wollten wir allerdings nicht aus der Hand geben, hatten wir doch gehört, dass sie bis zu 5000 Euro auf dem Schwarzmarkt bringen würden und uns die ganze Situation sowieso etwas komisch vorkam.
 Küstenstraße bei einbrechender Dämmerung
So fuhren wir weiter, beziehungsweise schob ich davon, hatte ich ja immer noch meinen Platten. Den reparierten wir schnell, sobald wir aus der Sichtweite des Postens waren. Danach machten wir uns in völliger Dunkelheit auf die Suche nach einem Schlafplatz. Schließlich fanden wir einen weiteren Küstenabschnitt, wo wir bleiben wollten, diesmal schon ziemlich erschöpft. Plötzlich kamen uns allerdings zwei Schemen entgegen. Im Licht ihrer Taschenlampe konnte man erkennen, dass sie Gewehre dabei hatten.
Es waren zwei Männer vom Militär. Wie sich im Gespräch herausstellte war die Küste eine der großen Schmuggelrouten für Haschisch und daher gut überwacht. Weil wir aber recht freundlich waren und anscheinend nicht wie Schmuggler aussahen, durften wir schließlich bleiben. So verbrachten wir die erste Nacht in Marokko mit Isomatte und Schlafsack auf einer Art Kieshaufen 200 Meter vor dem Meer. Für ein Zelt war nirgends Platz, da der Boden mit Felsbrocken übersät und uneben war.
Am nächsten Tag fuhren wir an einem Nationalpark an der Küste vorbei. Die Straße, der wir folgten machte dabei einen Schlenker ins Inland. Was man dabei alerdings nicht sehen konnte war, dass uns dieser Schlenker durch eine steile Berglandschaft führen würde. Vielleicht zehn Kilometer vom Meer entfernt fuhren wir einen Anstieg nach dem Anderen hinauf. Unterbrochen wurde dies nur durch die Durchfahrt von einigen Dörfern.
 Bergige Fahrt durch den Nationalpark
Stets wurden wir begrüßt von einer Horde von Kindern, die sich bei unserem Anblick an der Straße versammelten und uns hinterher rannten. Überall sah man Maultiere, auf denen die Menschen Dinge transportierten und ritten. Sogar die Äcker wurden mit den Tieren bestellt. Wäre der viele Plastikmüll und die ab und zu vorbeirauschenden Autos nicht gewesen, hätte dieses Bild sich auch vor gut hundert Jahren ereignen können.
Stets begleitet von dem Gedanken, dem Wunsch, dass das Meer hinter dem nächsten Anstieg auf uns wartete. Wir wurden allerdings immer enttäuscht. Das war Anfangs noch recht lustig. Wir scherzten viel, was in meiner Aussage gipfelte: „Schau mal, der hohe Berg, der von Wolken umgeben ist, da müssen wir bestimmt auch noch rauf“. Als wir bei einbrechender Dunkelheit völlig erschöpft vor eben jenem Berg standen, kam mir der Satz vor wie eine düstere, zynische Prophezeiung.
 Einheimische Tierwelt, direkt auf der Straße
Die Rettung kam in überraschender Form. Ein uralter, rostiger LKW kam auf uns zu. Matze hielt ihn kurzerhand an und tatsächlich hatten wir Glück. Der Fahrer nahm uns und die Räder mit. Anschließend fuhren wir eine gute halbe Stunde nur bergauf. Am Pass ließ uns der Fahrer wieder raus und erklärte uns, dass bergab in fünfzehn Kilometern die nächste Stadt wäre. Wir fuhren die Abfahrt im Nebel herunter, der teilweise so dicht war, dass man von der Reflektion des Lichtes der eigenen Stirnlampe geblendet wurde. Als wir an der Küstenstadt El Jebha ankamen und dort sogar ein nettes Hotel fanden, schien das wie ein kleines Wunder.
Abend saßen wir noch eine Weile auf der hoteleigenen Dachterasse und unterhielten uns mit den Besitzern. Auch der Klimawandel war ein Thema. Uns wurde berichtet, dass es hier in der Gegend mehr regnen würde, als üblich. Der Klimawandel ist unergündlich…
Am nächsten Tag nahmen wir nach einem enspannten Frühstück die Küstenstraße Richtung Ceuta. Uns wurde gesagt, dass diese zwar nicht so gut sei, aber befahrbar. Außerdem hatten wir von endlosen Anstiegen erst einmal genug. Als wir eine Weile auf der Straße gefahren waren, verstanden wir, warum alle Marokkaner immer so von der Straße, auf der wir vorher gefahren waren, geschwärmt hatten. Diese war nämlich neu gebaut und auf europäischem Standard. Das, was wir jetzt fuhren, war etwas ganz anderes. Vor allem die ersten fünfzehn Kilometer waren recht fuchtbar.
 Fahrt entlang der staubigen Küstenstraße
Die Straße war im Umbau begriffen, voller Schlaglöcher und bedeckt mit einer dicken Schicht Staub. Jedes Fahrzeug, das an einem vorbei fuhr ,wirbelte diesen auf. Zudem fuhren wir in der glühenden Mittagshitze. Schnell waren wir bedeckt mit einer Mischung aus Schweiß und Staub. Und steile Anstiege gab es natürlich trotzdem. Als dann endlich die Straße wieder mit einer einigermaßen regelmäßigen Schicht Asphalt beeckt war, waren wir sehr dankbar.
Die Nacht verbrachten wir in dem einzigem „Hotel“ eines kleinen, dreckigen Dorfes. Unser Zimmer lag direkt über dem abendlichen Treffpunkt der Männer. Dort wurde sehr laut Fernsehen geschaut, Pfefferminztee getrunken und Haschpfeife geraucht. Frauen gabe es dort nicht, die verbrachten, wie wir später erfuhren ihre Abende immer zu Hause. Wir fühlten uns etwas unwohl, wurden wir doch nur ab und an komisch von der Seite angeschaut und zumeist komplett ignoriert.
Am nächsten Tag fuhren wir weiter. Wieder begleitete uns das alltbekannte Hoch und Runter. Man fuhr einen längeren Anstieg hinauf, und dann wieder hinunter in eine Bucht, wo häufig kleine Fischerdörfer mit ihren Booten zu finden waren. Fischer waren auch fast die einzigen, die man am Strand und auf dem Meer sah. Ab und zu waren allerdings auch Menschen auf Luftmatratzen und mit Schnorchel zu sehen, die nach irgend etwas suchten. Immer wenn ich dies sah, musste ich an die Erzählung eines Mitarbeiters der spanischen NGO SOS Rasismo denken. Dieser hatte erzählt, dass Flüchtlinge mit solchen Luftmatratzen auch versuchten, in die spanischen Enklaven zu kommen.
 Mit Schnorchel und Gummireifen auf dem Meer
Die Nacht verbrachten wir in dem sehr touristischen Küstenort Matril, zehn Kilometer von Tetouan entfernt. Die Stadt war gepflastert mit Hotels und Restaurants. Abends, nach dem wir ausgiebig in einem lokalen Restaurant gegessen hatten, kamen wir mit zwei Marokkanern ins Gespräch. Sie konnten gut Deutsch sprechen und berichteten viel.
Sie waren in der Stadt geboren und kannten sie noch aus der Zeit, als sie kleiner gewesen sei. Jetzt seien allerdings viele Leute aus dem „Süden“ hierher gekommen und nichts sei mehr wie früher. Sie waren „tourist guides“ und hatten viele ausländische Touristen herumgeführt. Diese würden allerdings jetzt wegen der Angst vor „dem Terrorismus“ nicht mehr so häufig kommen. Dieses Thema führte uns zu einer längeren Dikussion über den Islam, Afghanistan und die USA, welche mich noch eine Weile beschäftigte.
Ihre Position war faszinierend und erschreckend zugleich. Sie betonten stark die negative Rolle der westlichen Länder, allen voran die USA, die mit ihrer Gier nach Öl und Ressourcen den afrikanischen Kontinent heimsuchten. Vor allem der eine betonte die positiven Auswirkungen, die ein Leben mehr nach den Richtlinien des Korans haben würde. „Wenn man jedem Dieb als Strafe die Hand abhacken würde, würde niemand mehr stehlen“.
Mein Einwand, dass auch Unschuldige von dieser Strafe permanent betroffen werden könnten, zählten für ihn nicht. Mit seinen ruhigen Art und den merkwürdig flackernden Augen wurde er mir während des Gespräches etwas unheimlich. Die Verbindung der sich ausbreitenden „westlichen Mentalität“ mit den Richtlinien des Korans scheint mir eine große Herausforderung zu sein.
So ging ich mit vollem Kopf zurück zu unserem Hotel. Am nächsten Tag wollten wir uns dann auch schon auf den Weg nach Ceuta, der zweiten Enklave Spaniens machen.
| von Zaragoza bis zur Überfahrt nach Marokko |
| von: matthiasklaen am 27. September 2009, 21:35
 Der weitere Verlauf der Reise ging von Zaragoza bis in den südlichsten Teil Spaniens, genauer gesagt nach Malaga. Von hier werden wir nach Melilla übersetzen und die letzten 500 km auf dem afrikanischen Kontinent fortsetzen. Der letzte Teil der Reise war gekennzeichnet von einigen schleppenden Radfahrtagen, mehr Regen, Rädern, die mittlerweile die ersten Anzeichen von starker Belastung zeigen, aber auch von interessanten Interviews mit Experten, sowie Eindrücken des städtischen Flairs in Madrid und Granada.
Von Zaragoza aus mussten wir die Strecke mit dem Zug etwas verkürzen. Das Problem ist, dass wir am Wochenende in Madrid ankommen wollten, um Interviews vorzubereiten um diese dann Anfang der Woche zu führen. Glücklicherweise hatten wir einen Kontakt von Jakob bekommen, wo wir gegebenenfalls übernachten konnten: Alina, sie studiert auch Psychologie in Marburg und macht nun, nach dem 6 Fachsemester, ein Auslandssemester in Madrid. In dem Haus, in dem sie wohnt, gibt es auch zwei leerstehende Wohnungen für Besucher, die dann dort relativ günstig übernachten können. Als wir um 22 Uhr in Madrid angekommen waren, früher als erwartet, war es von uns aber wohl eher ein Überfall, als willkommener Besuch. Aber dennoch ging alles in Ordnung. Als wir an dem Haus ankamen, war sogar der Sohn des Vermieters noch da, Fidel, und gab uns den Schlüssel zu einer Wohnung im obersten Stock. So mussten wir zwar alle Sachen hochtragen, aber hatten die nächsten Tage den Genuss einer Dachterrasse, wo wir uns die meiste Zeit aufhielten. Alina hatte noch Besuch von ihrem Freund, ihr Mitbewohner war ein Kolumbianer, Gerrardo, der seine Cousine aus Venezuela, Ali, und einen Freund, Diego, aus Zaragoza zu Besuch hatte. Es war ein recht kühler Abend, aber wir mit dieser bunt- zusammengewürfelten Gruppe verbrachten wir noch einige Zeit auf der Dachterrasse, bevor es spät zu Bett ging.
Am nächsten Tag waren wir mit Fidel zu einer Fahrradtour verabredet. Insgesamt fuhren wir 60km um und in Madrid, auf dem Rückweg durch das Zentrum; so bekamen wir einen recht groben Eindruck von der Stadt und wir konnten die meisten Sehenswürdigkeiten flüchtig sehen.
Nach der Tour waren alle müde und so machten wir erstmal Siesta. Da Fidel unser Projekt toll fand und auch gerne Rad fährt, wenn auch nicht so lange Touren, sagte er uns, dass wir für lau in Madrid bleiben könnten. Dies war eine sehr nette Geste und so sagte ich ihm, dass wir zumindest die Räder reparieren würden, die sie für die Austauschstudenten zur Verfügung stellen, da einige miserabel eingestellt waren.
Die nächsten Tage in Madrid verbrachten wir mit Ausruhen und Vorbereitungen für die nächsten Tourtage. Es war noch ein großkulturelles Ereignis in Madrid, die sogenannte „Noche Blanca“, von der wir aber leider kaum etwas mitbekamen, da wir zu spät an dem Abend losgegangen sind. Mit der Gruppe haben wir immer groß gekocht und viel Spaß gehabt, sodass wir, nachdem wir eine Zusage für ein Interview am Dienstag hatten, insgesamt 4 Tage in Madrid blieben.
Unser Interviewpartner war José von CEAR (Comisión Espanola de Ayuda al Refugiado) – Spanische Komission für Flüchtlingsarbeit-, der dort der Koordinator für Ereignisse und soziale Partizipation, also für Kampagnen und Öffentlichkeitsarbeit generell, zuständig ist. Das Interview dauerte über eine Stunde und es wurden innerhalb der Flüchtlingsarbeit einige Themen aufgearbeitet: rechtlicher Status und Probleme, Motive und Visionen der Flüchtlinge, Fakten und Statistiken, verschärfte europäische und Ländergesetze im Asyl- und Migrantenbreich, Routen- und Risiken bei der Reise nach Europa, und abschließend die Situation für Klimaflüchtlinge bzw. -migranten.
 José von CEAR und Matthias
José erzählte soviel in einer Stunde, hier soll es nur einen kurzen Überblick geben; ich möchte euch ein Fallbeispiel zur Problematik des Phänomens Umweltflüchtling darstellen. Dazu ist zu sagen, dass der Klimaflüchtling dadurch gekennzeichnet ist, dass er auf Grund des Klimawandels flieht, ein Umweltflüchtling beispielsweise wegen Verschmutzung von natürlichen Ressourcen bzw. des Lebensraumes. Durch den Mangel an Definitionen ist es nicht ganz einfach, Klarheit in diesem Themenkomplex zu schaffen. Unsere Meinung nach umschließt der Begriff Umweltflüchtling auch Klimaflüchtlinge, allerdings sind viele Konflikte eine Mischung politischer, kultureller, sozialer und ökologischer Natur.
Nun zum eigentlichen Beispiel: Ein nigerianischer Journalist und Umweltaktivist machte auf diverse Missstände im Niger-Delta aufmerksam. Dort wurde über Jahre hinweg der Niger als Abwasserkanal von großen multinationalen Ölkonzernen benutzt. Die Regierung bekam dafür Entschädigunstzahlungen. Der Aktivist startete Kampagnen gegen die Großkonzerne und geriet somit in das Fadenkreuz der Regierung und drohte verhaftet zu werden. Zum Glück konnte er auf die Hilfe großer Umweltgruppierungen bauen, und konnte nach Europa fliehen, wo er den Flüchtlingsstatus erhielt. Man sieht an diesem Beispiel, dass nicht das Argument des Fliehens vor der Umwelt, sondern das Argument begründeter Sorge vor Repression, für den Flüchtlingsstatus gezählt hat. Diese würde unter folgenden Punkt der Genfer Flüchtlingskonvention fallen: Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung.
Dass er den Status des Flüchtlings bekommen hat, ist aber auch sicherlich den großen Umweltvereinen zu verdanken, da in Spanien sehr wenige Anträge auf Asyl angenommen werden. In 2008 ganze 151, es wurden über 4500 Anträge gestellt, ergo keine 3%!
Mit vielen weiteren Informationen und neu aufgeworfenen Fragen machten wir uns auf den Weg um unsere Sachen zu holen. Um ein weiteres Interview zum Ende der Woche in Granada zu führen, sind wir ein weiteres Stück mit dem Zug gefahren.
 Auf dem Weg nach Granada, immer Richtung Berge
Von Linares aus starteten wir dann gen Süden, es waren noch knappe 200km nach Granada und unser Interview war für Donnerstag oder Freitag geplant. In dieser Region gibt es fast keine Campingplätze mehr, sodass wir zweimal wild Zelten mussten. Einmal inmitten einer Olivenplantage; die Plantagen sollten uns bis Grandada und darüber hinaus begleiten, und beim zweiten Mal bei einem Stausee, der beste Campingplatz, den wir auf der bisherigen Reise hatten.
 einmalige Lage des besten Wildcampingplatz auf unserer Reise
Am Donnerstag fuhren wir dann in Granada ein, es war ein herrlicher Tag über 30 Grad, und die Stadt gefiel uns auf Anhieb. Es gibt sehr viele Studenten, viele Sehenswüdigkeiten aus Zeiten der Mauren, und die Lage kurz vor der Sierra Nevada ist atemberaubend.
 Orangenbäume in Granada
Am Donnerstag besuchten wir ein besetzen Hof, Centro Social Okupado, wo es jeden Donnerstag eine kostenlose Fahrradwerkstatt gibt. Den Tip hatten wir von jemandem aus Marburg bekommen, der ein Praktikum bei SOS Racismo gemacht hatte, die wir am nächsten Tag interviewen wollten, und in der Werkstatt mitgeholfen hat.
 Centro Social Okupado; linke Szene Treffpunkt und kostenlose Radwerkstatt
Da Christophs Nabe zur Zeit etwas Ärger macht und wir hoffen, dass sie noch durchhält, haben wir dort die Sache mal inspeziert. Leider können wir im Moment kein Ersatzteil bekommen- falls sie kaputt geht, müssen wir ein billiges Laufrad in Marokko erstehen. Auch die Antriebe, Ketten, Ritzel etc. der Räder zeigen allmählich, dass wir einige Kilometer gefahren sind und viel Staub, Dreck und Regen abbekommen haben. Sobald wir zurück sind, werden die Schätzchen intensiv gepflegt.
Am Freitag folgte das Interview mit SOS Racismo. Jovi, ehrenamtlicher Koordinator, berichtete uns über die Arbeit der Organisation. Es geht hauptsächliche um die Sensibilisierung der Gesellschaft im Hinblick auf Faschismus, Rassismus und Xenophobie.
Der Hauptaugenmerk der Arbeit liegt zudem darin, Opfern und Zeugen rassistischer Äußerungen oder Übergriffe Unterstützung bei der rechtlichen Aufnahme des Falls zu geben, und vorbeugend Informationen über mögliche rechtliche Schritte und Rechte zu geben.
Dieses Thema ist zwar nicht direkt mit dem Thema Klimaflüchtling vernetzt, aber wir konnten dennoch einige Informationen über Migranten- und Flüchtlingsarbeit bekommen, da Jovi in dem Bereich gut Bescheid weiß. So redeten wir auch über das neue Asylgesetz in Spanien, Abschiebepraktiken, Verträge mit Drittländern außerhalb der EU etc. Das neue Asylgestz (auf Spanisch: Nueva Ley de Asilo) erlaubt es, effektiver und schneller Migranten abzuschieben. Das heißt, dass oftmals Flüchtlinge und Migranten gleichermaßen abgeschoben werden, bevor sie überhaupt einen Asylantrag stellen oder eine Arbeitserlaubnis bekommen konnten. Konkret sieht es also so aus, dass bei Verdacht auf Migrantentransport Schiffe schon auf hoher See vom Militär zurück eskortiert werden, zum Beispiel nach Libyien. Das Problem ist hierbei, dass die Personen nicht in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren können, wo sie ein soziales Gefüge haben; und es sich womöglich auch finanziell nicht mehr leisten können, dorthin zurück zu reisen, da sie möglicherweise alles ausgegeben haben um nach Europa zu kommen. Des weiteren ist auch die Beachtung der Menschenrechte in Ländern wie Lybien in Frage zu stellen. Hauptproblem ist aber, dass sie noch nichteinmal die Gelegenheit hatten, bzw. ihnen genommen wurde, einen Antrag auf Asyl in einem europäischen Land gestellt zu haben, obwohl dies das Recht jedes Flüchtlings ist – nach UN Konvention.
Durch diese Praktiken einzelner Länder sowie die Tolerierung dieser von der EU werden womöglich Menschenhandel und andere grausame Dinge gefördert. Jovi gab uns den Kontakt von einer Frau, die sich mit den Abschiebepraktiken Spaniens auseinandersetzt. Zusammengefasst: Abgeschobene werden in einen Flieger oder ein Schiff nach Marokko gesteckt, dort von marokkanischen Behörden in Empfang genommen, in einen Bus gesetzt mit Ziel Sahara und 50km fernab von jeglicher Zivilisation ausgesetzt. Dies hat zur Folge, dass unter anderem in Mali junge Afrikaner für 30 Euro angeboten werden…
Neben entsetzlicher Nachrichten wie dieser und einigen Kontakten, gab uns Jovi einige Tips mit auf den Weg. Er war aber auch sehr scherzhaft aufgelegt, und machte sich über einige unserer Besorgnisse lustig. „Die ganze Welt sei gefährlich“ – schloss er mit einem Lächeln und einem Augenzwinkern.
Nach dem sehr interessanten Interview, von dem nur Bruchstücke genannt wurden, mussten wir uns wieder auf die Reise machen.
Nach kurzem Besuch bei der Alhambra machten wir uns auf Richtung Malaga. Es war schon spät und nach 2 Stunden und im Dunkeln suchten wir uns nach einem Anstieg auf der Passhöhe einen geeigneten Platz zum Zelten.Am nächsten Tag wollten wir bis nach Malaga kommen, da wir von dort aus die Fähre zur spanischen Enklave Melilla nehmen möchten. Von dort aus geht es die letzten 500-600km der Reise mit dem Rad an der Mittelmeerküste entlang, Richtung der anderen Enklave Ceute und weiter nach Westen mit dem Ziel Tanger.
 Christoph während einer Pause bei der Überquerung der letzten Berge in Spanien
Mit weiteren Kontakten im Gepäck und der Vorfreude auf Marokko mussten wir leider noch einen Tag in Malaga verweilen, da die Fähre Samstags nicht fährt. Wir hatten uns extra beeilt und waren fast 140km gefahren, die letzen 40km davon nur durch Regen, um diese Nachricht zu erhalten. Dafür gibt es nun einen neuen Blogeintrag, einige geschriebene Karten, fittere Beine und neue Ideen für die Tour.
| Vom Atlantik über die Pyrenäen nach Zaragoza |
| von: Christoph Grober am 20. September 2009, 20:39
 Die letzten Tage haben uns entlang des Atlantiks durch das Baskenland und über die Pyrenäen nach Pamplona und schließlich nach Zaragoza geführt. Ein unglaublicher Wandel vom sommerlichen Strand zu waldbesetzen Bergen. Die Zeichen des Klimawandels bleiben uns jedoch erhalten. Aber auch Menschen mit Visionen begegneten uns.
Gut die Hälfte der Radtour ist vorbei. Wir sind von Basel entlang der Rhone bis ans Mittelmeer gereist. Danach folgten wir dem Canal du Midi an den Atlantik. Nun wollten wir die Pyrenäen überqueren und nach Spanien Richtung Madrid weiterfahren.
Nach unserem Ruhetag am Strand des Atlantik in Mimizan folgten wir der „piste cycleable“ parallel zur Küste. Der Radweg war wunderschön. Ein schmales Asphaltband, das sich durch den Pinienwald direkt hinter den Dünen schlängelte. Der Weg war nur so breit, dass sich zwei wohlwollende Radfahrer mit einem freundlichen „Bonjour“ aneinander vorbei zwängen konnten. Zusätzlich war er zumeist mit Schlaglöchern und Ausbessserungen übersät. Abenteuerliche Überholmanöver blieben uns jedoch weitestgehend erspart, da kaum jemand außer uns fuhr. So konnten wir die Fahrt in Ruhe genießen.
 entlang des Atlantiks auf der "piste cycleable"
Das Fahren wurde von einem frischen Wind vom Meer, der sich mit dem Duft der Pinien mischte, begleitet. Am Wegesrand gab es häufig Brombeersträuche. Die Beeren hatten einen besonderen Geschmack. Von außen leicht salzig durch die Meeresluft, von innen wie Brombeeren eben. Zusammen: Sehr, sehr lecker.
Bei so viel Radfahrfreude war es dann auch gar nicht so schlimm, dass wir uns am Ende des Tages verfuhren und von Einheimischen entlang des Radweges hin und hergeschickt wurden, die gar nicht begreifen konnten, dass wir den richtigen Weg nicht finden konnten, weil „das sehr einfach zu finden ist“. War es dann auch. Wir brauchten dafür eben etwas länger. So landeten wir Abends glücklich und etwas erschöpft auf einem Campingplatz am Meer nahe Seignosse.
Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns vom Atlantik. Wir fuhren zunächst weiter an der piniengesäumten Piste Cycleable und fuhren dann in das Umfeld von Biarritz ein. Die Gegend war ein Flickenteppich aus Golfplätzen, teuren und unbezahlbaren Häusern. Nicht so meine Welt. Biarritz selber streiften wir nur, da wir landeinwärts Richtung Pyrenäenausläufer fuhren. Ein großes Erlebnis war die Stadt daher nicht. Sehrwohl sahen wir einige sehr schöne alte Häuser, sonst aber nur zwei drei noble Läden und viele Touristen, die krampfhaft versuchten schick zu wirken (so war zumindest mein Eindruck).
 Kurz vor Biarritz - die baskische Küste
Als wir eine Weile in das Land hineingefahren waren, wandelte sich die Landschaft rapide. Die Straße wurde hügelig, die Pinien wandelten sich langsam zu Laubbäumen. Nach einer Kurve konnten wir plötzlich die majestätische Silhouette der Pyrenäenbergkette sehen. Ich weiß noch, dass mein erster Gedanke war „ Achduliebeherrgottss…, da müssen wir rüber“. Ich war gelinde gesagt etwas beunruhigt. Meine Beine hatten sich in den letzten Tagen nicht so gut angefühlt und ich hatte Angst vor Krämpfen und generell davor, die Berge nicht zu schaffen. Irgendwann riss ich mich aber aus meiner Gedankenwelt und beschloss einfach zu schauen, was passiert und zu genießen. Passiert ist natürlich dann auch nichts.
 Vom Atlantik ging es in Richtung Pyrenäen
Am nächsten Morgen fuhren wir von einem kleinen gemütlichen Campingplatz auf die Pyrenäen zu. Ein älteres französisches Pärchen hatte uns am Abend zuvor ihre Campingküche nutzen lassen und uns dabei viel erzählt. Unter anderem hatten sie uns einen Weg über die Pyrenäen nach Pamplona empfohlen, der machbar sein sollte. Bevor wir uns versahen waren wir über die Grenze nach Spanien gefahren. Wir trafen dort einen spanischen Rennradfahrer, der uns noch eine etwas andere Strecke empfahl.
Wohlgemuts fuhren wir weiter Richtung Pyrenäenausläufer. Die erste größere Steigung führte uns über zehn Kilometer auf etwas über 600 Meter. Die Strecke war sehr angenehm, nicht zu steil und mit malerischem Bergpanorama. Auf dem „Gipfel“ machten wir dennoch eine Essenspause und schöpften Kraft für den nächsten, längeren Anstieg.
Gemütlich essend, kam uns ein Pilger entgegen. Er setzte sich eine Weile zu uns und wir kamen ins Gespräch. Er hieß Jan, war seit drei Monaten in Rente. Er erzählte uns, dass er früher als „boatman“ gearbeitet hatte. Das sind die Leute, die die großen Schiffe festmachen. Das kann über zwei Stunden dauern. Er erzählte uns, dass er solangne er noch in guter körperlicher Verfassung ist, etwas von der Welt sehen wollte. Er war früher auch schon viel gereist, zum Beispiel von Frankreich aus den ganzen Donau-Radweg.
 Jan - ein Pilger auf dem Jakobsweg
Jetzt war er auf dem Jakobsweg unterwegs. Sein lanfristiges Ziel ist Südmarokko. Er möchte Mitte Dezember da sein. Dort würde er gerne eine Herberge eröffnen. Er betonte, dass er mit den Einheimischen zusammenarbeiten möchte. Es ist ihm wichtig, Arbeitsplätze und damit eine langfristige Perspektive für die Menschen zu schaffen. Es ist sein Wunsch, „etwas zurückzugeben“, wie er es ausdrückte. Dafür ließ er seine Frau zurück, die nicht mitreisen wollte. „C’est la vie“, sagte er dazu mit einem undurchschaubaren Lächeln.
Mit vollen Mägen und ausgeruht fuhren wir zunächst ins Tal herab und auf die nächste Steigung zu. Diesmal sollte es in gut fünfzehn Kilometer auf ungefähr 1100 Meter gehen. Die Straße schlängelte sich am Berghang herauf, vermied steile Anstiege und war alles in allem atemberaubend im doppeltem Sinne. Etwa hundert Meter vor dem höchsten Punkt begann dann doch noch ein sehr steiles Stück. Die Beine wollten nicht mehr, begannen zu krampfen und so schoben wir das letzte Stück.
Oben angekommen, ruhten wir uns erst mal ausgiebiebig aus. Es wehte ein eisiger Wind und Wolken verdunkelten den Himmel. Regen war vorausgesagt; schon seit drei Tagen schauten uns die Leute mitleidig an und erwähnten, dass es am nächsten Tag regnen sollte, was ja nicht gut fürs Radfahren sei. Wir hatten jedoch weiterhin Glück und fuhren trocken den Weg Richtung Pamplona hinunter.
 Der "höchste" Punkt unserer Pyrenäenüberquerung
Am nächsten Morgen schauten wir uns zunächst die Innenstadt von Pamplona an. Dann gingen wir zu einem Radladen, um mein Rad zu untersuchen zu lassen. Mein Tretlager knackte und ich wollte sichergehen, dass mein Rad auch noch die restliche Strecke gut funktioniert. Der Besitzer des Radladens war ein entspannter Mensch mitte dreißig. Er arbeitete gemütlich und unterhielt sich mit jedem Kunden ausgiebig. Auch uns erzählte er viel. Wir unterhielten uns über das Baskenland, die ETA, die spanische Polizei und viele andere Dinge.
Als ich ihn auf den „Atomkraft, nein Danke“- Aufkleber an seinem Ladenfenster ansprach, betonte er, dass dies eine baskische Bewegung sei und der Aufkleber ja auch auf Baskisch sei. Ich hatte unwissenderweise gefragt, ob es diese Bewegung denn auch in Spanien gebe und was ihre Ziele seien.
Nach dieser angenehmen Begegnung und einem eingefetteten Tretlager machten wir uns reichlich spät auf den Weg Richtung Zaragoza. Die ersten zehn Kilometer waren furchtbar. Wir fuhren eine große Bundesstraße aus der Stadt heraus. Ständig musste man rechts darauf achten, sicher an den Auf- und Abfahrtsspuren der Straße vorbeizufahren, während links Autos und Lastwagen vorbeidonnerten. Langsam lichtete sich jedoch der Verkehr und wir begannen die Strecke zu genießen.
Die Strecke zwischen Pamplona und Zaragoza ist relativ eben, und so kamen wir schnell voran. Überraschend war der neuerliche Wechsel der Landschaft. Neben der Straße türmten sich mit Geröll übersäte Hügel, die meist nur von spärlichem Gras bedeckt waren. Man kam sich fast wie in der Wüste vor. Die ganze Landschaft war in einem staubigen Gelbton gefärbt. Auf den Kämmen der Hügel standen Windräder und längs der Straße waren viele Photovoltaikanlagen aufgestellt.
 Regenerative Energie; auch in Spanien
Die ganze Szene war recht surreal, vor allem wenn man um die nächste Kurve fuhr und auf einmal wegen eines naheliegenden Flusses und menschlicher Bewässerung alles in sattem Grün erstrahlte.
 Wandel von "Geröllwüste" zu Grün - nach einer Kurve
Kurz vor dem Dunkelwerden erreichten wir einen Nationalpark und fuhren hinauf auf den höchsten Punkt, an dem auch eine Kirche stand. Belohnt für den „Anstieg“ auf etwa 500 Meter wurden wir durch einen Sonnenaufgang, der das zerklüftete Schutzgebiet und die direkt anliegende Militärzone mit Licht füllte.
 Sonnenaufgang auf "unserer" Plattform
Auf unserer nachfolgenden Abfahrt kamen wir durch ein kleines Städtchen hindurch. Es war gerade Markt. Wenn man diesen betrachtete, bekam man unweigerlich das Gefühl, dass dieser eine Art Besuch der Außenwelt darstellte. Es gab nicht nur Obst und Gemüse zu verkaufen, sondern auch Klamotten, Schuhe und was man sonst so braucht. Wir (eigentlich nur Matze, weil ich kein Spanisch spreche) unterhielten uns mit zwei jungen Leuten, die neugierig unsere vollgepackten Fahrräder betrachteten. Wir berichteten ihnen von den Hintergründen unserer Reise. Als wir sie auf den Klimawandel und mögliche Veränderungen, die sie festgestellt haben könnten ansprachen, waren sie etwas unsicher. Sie meinten sich schon daran erinnern zu können, dass es früher mehr geregnet hätte und nicht so trocken war.
Ein älterer Mann mischte sich in das Gespräch ein. Er wollte zunächst wissen, warum wir denn nicht mit dem Auto fahren würden. Auf unsere Antwort, dass wir das aus Klimaschutzgründen nicht tun würden, erklärte er uns zunächst, dass man ja auch mit einem „sauberen“ Elektromotor fahren könnte. Als uns das nicht überzeugte, schwenkte er auf einen anderen Bereich um. „Alles ist ja Verschmutzung“, sagte er während er auf unsere diversen Plastikgegenstände zeigte, die wir mit uns führten und die ja auch tatsächlich nicht besonders klimafreundlich waren. Ich empfand das Gespräch als recht verwirrend.
In den letzten Wochen habe ich immer wieder einen ähnlichen Gesprächsverlauf miterlebt. Die Menschen nehmen häufig Veränderungen im Wetter war. Wenn man ihnen dann sagt, dass man selber glaubt, dass das zum Teil am menschgemachten Klimawandel liegt, stimmen auch noch überraschend viele Menschen zu. Eine gemeinsame Position im Sinne von „ es muss etwas getan werden“ ist dann schnell gefunden. Der Schritt, dieses in ein aktives „wir müssen etwas tun“ umzuformen, ist allerdings schon schwieriger. Und daraus ein „ich muss etwas tun“ ist meist undenkbar. Den Klimawandel auf die eigenen Handlungen und Alternativen dazu herunterzubrechen ist schwierig und scheint bei der Größe des Problems manchmal sicherlich auch ungenügend. Da wird dann eher die Verantwortung der Politik, Wissenschaft und vor allem der (Umwelt-)Bildung betont.
Als wir uns dem Ausgang des Dorfes näherten, kamen wir an einem recht verfallenen Haus vorbei. Die der Straße zugewandte Seite war auf der ganzen Länge bemalt. Davor stand die Künstlerin, gerade dabei, ihr Werk weiterzuführen. Sie stellte sich als „Maria de Los Angeles“ vor. Sie war eine kleine quirlige Person, die sehr viel und sehr schnell redete. Sie erklärte uns ihr Bild, zeigte uns die verschiedenen Teile, die allesamt Länder und was sie mit diesen verband, darstellten.
 Maria de Los Angeles - ein ungewöhnliche Künstlerin
Sie sagte, dass sie schon seit neun Jahren das Haus bemale. Sie lebte in ihrer eigenen Welt. Kurze Kommentare, die von Schicksalsschlägen zeugten („ Sie haben mir meinen Sohn weggenommen“), trübten ihre Laune und ihren Redefluss kaum. Auch mir erzählte sie viel und bemerkte dabei gar nicht, dass ich kein Wort verstand.
Als sie uns mit großer Gestik und überraschend lauter Stimme ein Liebeslied vortrug, war ich trotz des komischen Potentials der Sitation eher gerührt und glücklich. Diese Frau hatte für sich ihren Ort und ihren Sinn gefunden. Damit schien sie sehr zufrieden. Unter anderen Umständen wäre sie vielleicht in irgendwelche Institutionen eingewiesen und „behandelt“ worden.
Dass sie mit ihrem Kunstwerk jemals fertig werden wird, glaube ich allerdings nicht. Sie erzählte selber, dass sie Dinge ändern würde, die ihr nicht mehr gefallen. Außerdem nahm sie anscheinend auch ständig neue Eindrücke auf, die sie in ihr Kunstwerk aufnehmen wollte.Wegen unserer vielen gesponsorten VAUDE-Sachen sagte sie uns, dass sie diesen Schriftzug auch malen wollte, da er „ja anscheinend etwas typisch Deutsches ist“.
Auf unserem Weg nach Zaragoza holte uns dann der oftmals beschworene Regen dann tatsächlich ein. Hatten wir vormittags noch strahlenden Sonnenschein und wolkenlosen Himmel genossen, änderte sich dies Nachmittags. Begleitet von einem kräftigen Wind zogen dunkle Regenwolken auf. Sonne aus, Regen an. Starke Windböen von schräg vorne drängten uns in Schlangenlinien, während der Regen unangenehm ins Gesicht peitschte. Nach ca. 30km war das Schlimmste aber auch vorüber und Dank vernünftiger Regenjacken auch eher Abenteuer und Abwechslung.
Die letzten 25 Kilometer nach Zaragoza fuhren wir dann mit kräftigen Rückenwind und einer Geschwindigkeit zwischen 30 und 40 Stundenkilometern ziemlich zügig. Angenehm waren sie aber nicht. Wir fuhren auf einer autobahnähnlichen Bundesstraße. Dementsprechend spielten wir wieder das alte „ schau rechts, was auf die Straße hinauf- und herunterfährt, während links die Lastwagen an die vorbeirauschen“-Spiel. Ich war sehr glücklich, als wir endlich in Zaragoza ankamen. Auf dem Weg in die Stadt schauten wir noch schnell in einem Radladen vorbei, um Matzes Scheibenbremse zu reparieren, die durch einen Stein beschädigt worden war. So schnell ging es dann doch nicht; als wir wieder rauskamen, war es dunkel. Wir fuhren dann noch eine Weile durch die Stadt auf der Suche nach einer günstigen Unterkunft. Wir hatten zwar schon ein Hostel gefunden, welches allerdings mit knapp vierzig Euro ziemlich teuer war.
Wir wurden von verschiedenen Leuten in verschiedene Richtungen geschickt, landeten kurz an einer Unterkunft für Obdachlose und schließlich war ich mürbe. Wir fuhren zurück zu dem „teuren“ Hostel. „Geschafft“, dachte ich, als wir unser Zimmer bezogen.
| Von Toulouse an den Atlantik |
| von: matthiasklaen am 13. September 2009, 11:05
 Nach dem Treffen mit Matthias in Toulouse und Jakobs unerwarteter Heimreise, sind weitere 400km vergangen; wir überqueren die Pyrenäen nun am Rand, da die Pyrenäen zentral doch etwas heftig mit soviel Gepäck und einem beschränkten Zeitlimit zu überqueren sind. Auf dem Weg zum Atlantik gab es einige spannende Erlebnisse.
Schon auf der Zugfahrt nach Toulouse konnte ich einige interessante Bekanntschaften machen.
Eine davon war Simmon Kailuo (Name geändert vom Autor). Ein kenianischer Professional-Runner, der zur Zeit diverse Wettkämpfe in Europa abgrast um Preisgelder zu gewinnen, die für ihn als Einkommen dienen. Damit er nach Europa kommen kann, bekommt er Geld geliehen von einem Manager, der ihm auch die Rennen organisiert. Dafür bekommt der Manager nach den Rennen das Geld zurück inklusive Provision, das prozentual am Preisgeld berechnet wird. Er erzählte mir, dass er oft an kleineren Wettkämpfen teilnimmt, da er so sicher sein kann, etwas zu gewinnen. Bei großen Halb-Marathon Rennen, wo die Elite 59min läuft (er läuft 1:01) macht er ungern mit, da er nix bekommt.
 Simmon Kailou, "professional runner" aus Kenia
Um ein in Zukunft sicheres Einkommen zu haben, würde er sehr gerne in die Fremdenlegion eintreten, wo Sportler sehr erwünscht seien, da sich die Fremdenlegion mit den sportlichen Erfolgen der Soldaten rühmt. Er wird diesbezüglich wohl auch noch einen Test diese Saison machen. Im Notfall müsste er in den Krieg gehen, zum Beispiel nach Afghanistan. Sein Fazit dazu: „Fight to live“.Er ist bereit viel aufzugeben, um ein Leben mit gesichtertem Einkommen zu haben, um so für seine Familie eine Zukunftsperspektive zu schaffen.
Im Verlauf des Gesprächs sind wir natürlich auch auf meine Reise zu sprechen gekommen. Ein Projekt nach Marokko, auf der Suche nach dem Phantom Klimaflüchling. – „Soso“, lautete Simmons Antwort. Auch er könne mir viel über den Klimawandel in Kenia erzählen. In seiner Herkunftsregion (nordwestliche Provinz) hätte es seit über 3 Jahren keine Regenfälle mehr gegeben. Mittlerweile wohnt er am Mount Kenia, wo er besser trainieren kann.
Er könne sich gut an die Zeit vor 20 Jahren erinnern als er zwischen 5 und 6 Jahren alt war, und noch sehr viel Maisanbau und anderes betrieben worden wäre. Der Mais ist ein sehr wichtiges Nahrungsmittel, da es in der Volksküche häufig verwendet wird. Da er nun importiert werden muss, wie viele andere Lebensmittel auch, gäbe es einige Kinder, die diese Gerichte nicht mehr kennen würden. Ganz kleine Kinder hätten noch nicht einmal Regen gesehen…
Dann musste er auch schon aussteigen, er war auf dem Weg nach Perpignan, wo er diesen Sonntag einen Halbmarathon laufen wird.
Nachdem er ausgestiegenn war, wurde mir klar, was er da überhaupt erzählt hatte. Einen so drastischen Wandel in 20 Jahren wie in Kenia war mir unbekannt, obwohl mir die Thematik sehr wohl vertraut ist. Es ist einfach unvorstellbar, dass in so kurzer Zeit solche drastischen klimatischen Veränderungen stattfinden. In Mittel- bzw. Nordeuropa freut man sich fast über wärmere Sommer; ich denke das Beispiel an Kenia und diverse andere zeigen aber, dass die Menschheit einiges aufbringen muss, und zwar sofort, um den Klimawandel zumindest einzudämmen.
In Toulouse angekommen erwarteten mich Jakob und Christoph. Die Zugfahrt von Marburg aus war durchaus eine Odyssee, um 6.30 los und um 23.10 Ankunft. Da ich die Nacht vorher ziemlich wenig geschlafen hatte, war ich dementsprechend geschafft am Abend.
Wir fuhren vom Bahnhof direkt zum Campingplatz, Jakob zauberte noch ein Abendessen, und beim Erzählen im Zelt von den Plänen für die nächsten Tage schlief ich ein.
 Christoph am Abend nach einer Etappe
Am nächsten Tag war umpacken und zum letzten Mal aussortieren von unnützen, oder positiv formuliert, von netten Dingen auf dem Morgenplan. Jakob sollte noch an diesem Tag abreisen, so trennten sich unsere Wege mittags, leider, und Christoph und ich fuhren los.
Wir entschieden uns in Richtung Atlantik zu fahren, sodass wir in Spanien nur die Ausläufer der Pyrenäen zu spüren bekommen. Anscheinend hatten die beiden anstrengende Touren in den Bergen hinter sich gebracht und so wollte Christoph starke Anstiege meiden.
Der Tag war sehr heiß, wir hatten tagsüber zwischen 30 und 35 Grad. Die Route führte entlang vieler Sonnenblumenfelder, die allerdings schon die Köpfe der Sonne abgewendet hatten.
Am Ende des Tages fanden wir einen Campingplatz in Seenähe, es stellte sich jedoch heruas, dass dieser voller Algen war, sodass uns der Badespass versagt blieb.Bei einem leckeren Couscous-Gericht entschieden wir uns dafür, das Thema des Projekts zu konkretisieren, und in Marokko wahrscheinlich die spanische Enklave Ceuta bzw. die Flüchtlingscamps besuchen werden.
 Ich am See, der nicht zum Schwimmen einlud
Der nächste Tag startete nach anfänglichem Luftpumpenproblem gut, die Strecke war eine Art Allee, neben einem Kanal der Garonne, sodass wir sehr viel im Schatten radeln konnten.
 Angenehmes Radeln an einem alleenumsäumten Kanal
Auf unserer Karte war der nächste Campingplatz in 140km verzeichnet. Nach zuviel Nahrung am Nachmittag fiel uns das Radeln schwerer und wir waren froh, nach guten 100km doch einen Platz zu finden.
Dort lernten wir Bruno, Denise und Gill kennen. Obwohl alle drei spannende Personen waren, soll hier nur etwas über Bruno geschrieben werden.
Bruno ist Belgier, sitzt im Rollstuhl, und radelt für sein Leben gern. Dazu ließ er sich ein handbetriebenes „Velo“ in Deutschland bauen; mit Gepäck und ihm selbst liegt das Gewicht bei ungefähr 150 Kilo. Aus diesem Grund sind seine Arme so dick, wie die Beine eines Radfahrers.
 Gill, Bruno und Denise, Brunch am Morgen
Wir konnten die drei zwar nur einen Tag lang kennenlernen, wurden prompt zum Frühstück eingeladen und konnten uns nicht revanchieren.
Es ging nämlich wieder relativ früh los, das heisst um 7 aufstehen, packen, essen etc., bis man auf dem Rad sitzt vergehen schonmal 2 Stunden.
Der Weg führte uns vorbei an Wein- und Maisfeldern, wovon insbesondere die Maisfelder intensiv bewässert werden müssen. Auch im Süden Frankreichs hinterlässt der Klimawandel starke Spuren, sodass in der Agrarwirtschaft permanent bewässert werden muss.
 Bewässerungsanlagen am Rande der Route
Darauf begann wieder ein wunderbarer Radweg durch Pinienwälder, bevor wir am Atlantik angekommen sind, konnten wir sogar noch in einem See zu Mittag baden.
Wenn man lange Zeit auf dem Sattel sitzt, kommt es einem vor, als ob man zeitlos unterwegs wäre. Man radelt einfach und radelt und radelt. Die Gedanken, die einem im Kopf rumschwirren, verschwinden, und man fühlt sich einfach leer. Dieses leere, zeitlose Gefühl ist schön, denn es gibt nichts, was einen belastet.
Auf den letzten Metern habe ich noch eine Schraube vom Gepäckträger verloren, ca. 2 km vor Mimizan Plage. Die letzten Meter mussten wir mein Hinterrad-Gepäck schultern und wir entschlossen uns in Mimizan Plage zu bleiben, obwohl wir noch genug Zeit und Energie gehabt hätten, weiter zu fahren. Die Radläden hatten leider allesamt schon geschlossen, in mir machte sich ein ungutes Gefühl breit, dass wahrscheinlich kein Radladen die nötige Schraube haben würde.
Der Automechaniker war die letzte Möglichkeit. Als ich reinkam, schauten mich alle komisch an und ließen ihre Sachen fallen. – Ob sie mir helfen könnten. – Hmm, wir werden sehen,- lautete die Antwort. Schließlich wurden wir fündig; ich hatte noch einige Abstandhalter und nun ist wieder alles perfekt.
Später am Abend auf dem Weg zum Strand haben wir noch einen jungen Radreisenden aus der Schweiz getroffen, Roland. Er hatte sein Chemiestudium abgebrochen, und nach einer Informatiklehre war er sich unschlüssig darüber, ob ein weiteres Studium folgen sollte. Er ebntschloss sich zuerst für eine Radtour durch Frankreich, Spanien und Portugal. Zudem wollte er nicht nur Radeln, sondern auch Surfen. Das Bild spricht Bände, wie er unterwegs war. Gar keine schlechte Idee…
 Roland: Rad- und Surfreisender
Nach unserem Ruhetag am Strand geht es morgen weiter für uns, zuerst Richtung Biarritz, dann über die Grenze nach Spanien in Richtung Pamplona. Wir planen nun fast tagtäglich die Route, da man auf böse Überraschungen gefasst sein muss. In Spanien erwarten uns sicherlich noch einige Problemchen bezüglich einer guten Radroute. Aber man wird durch viele Kleinigkeiten für alle Strapazen belohnt.
 Nackte Wahrheiten bei alltäglicher Routenplanung
| Entlang der Rhone ans Meer |
| von: jakobvoerckel am 06. September 2009, 23:10
 Nach unseren Ruhetagen müssen wir jetzt ranklotzen um ein bisschen Strecke zu machen. Wir folgen dem lauf der Rhone durch Frankreich und entdecken Frankreichs strahlende Seiten. Wir müssen aber auch unsere Grenzen erkennen.
Achtung: In der unserer Bog redaktion stapelten sich in letzter Zeit die Artikel etwas, so dass wir zwei direkt hintereinander veröffentlichen mussten- beachtet also auch den letzten: Kurz vor Genf bis an die Rhone
Aus Genf hinaus suchen wir uns einen Weg durch Vororte bis wir endlich die Stadt hinter uns gelassen haben. Radeln in Großstädten ist wenig angenehm, wenn man noch viel Gepäck dabei hat wird es stressig. Aber irgendwann ist auch das geschafft und bald überqueren wir die Grenze nach Frankreich.
 Radfahren durch geniaes Wetter durch ein wunderschönes Land
Wir haben nur eine sehr grobe Vorstellung von unserer weiteren Route und so fragen wir mal wieder einen Einheimischen. Der hilft uns freundlich weiter und wir entscheiden seinem Rat folgend erst der Rhone zu folgen, den Knick bei Lyon auszulassen und zur Isere zu radeln, die dann wieder in die Rhone mündet. Ohne ernsthafte Berge radelt es sich gleich doppelt so leicht.
Aus Genf hinaus fahren wir am restlichen Tag noch 70 km. Am nächsten Tag werden es dann die anvisierten 100- und sogar noch viel mehr. Wir finden erst keinen Campingplatz, verfahren uns und suchen dann noch eine Weile. Als es dann anfängt zu regnen ist die Stimmung am Boden. Die Erleichterung als wir den Platz für die restliche Nacht dann finden ist umso größer. 140 Kilometer- die letzten 30 im Dunkeln und bei Regen. So entstehen dann die Geschichten die man später stolz erzählt….
So eine Etappe steckt man nicht so einfach weg, der nächste Tag wird langsam. Dazu kommt, dass Christophs Hydraulikbremse Öl verliert und er Probleme mit den Fahrradgriffen hat und in Folge dessen zwei taube Finger. Wir brauchen einen Radladen- dringend. Der erste den wir finden kann uns nicht helfen, der zweite auch nicht, aber er schickt uns zum dritten. Dort gibt es auch keine Hilfe, also wird die Bremse kurzerhand ausgetauscht.
 Weinberge an der Rhone
Die nächsten Tage verlaufen ganz ähnlich, aber entspannter. Wir fahren in 5 Tagen über 500 kilometer an der Rhone entland. Wir genießen das leckere Essen und die schöne Landschaft. Es gibt an jeder Ecke die Früchte der Region- Pfirsiche, Nektarinen, Melonen, Äpfel- frisch und superreif zu kaufen. In jedem Dorf eine Boulangerie Artisanne mit Baguette und Pain au Chocolat. In jedem Supermarkt eine große Auswahl an Käse und anderen Leckereien. Es ist sehr trocken hier, auf den Felder wird viel bewässert. Immer wieder duftet es nach Lavendel oder den Weingütern, die schon den ersten Wein keltern.
Am Mitwoch- wir radeln an der Rhone entlang- kommen wir in ein Dorf namens Cruas. Am Ortseingang ist viel Werbung um Touristen anzulocken. Auf drei Schildern zeigt man was man hat: eine Burg, eine Kirche aus dem 12 Jahrhundert, Campingplatz und Hotels und noch viel mehr. Eine Kleinigkeit hat man jedoch vergessen, wie wir feststellen, als wir zur Burg über das Dorf hinaufsteigen.
 Frankreichs strahlendste Seiten- Man beachte den wunderschönen Windpark
Es gibt einen Windpark, er ist klein mit nur zwei Windrädern. Ich nenne ihn für mich „Windpark Feigenblatt“. Zwei Windräder wunderschön gelegen im Tal der Rhone vor einem gigantischen Atomkraftwerk. Was für ein Bild, mittelalterliche Burg, Kirche und Energiegewinnung auch von gestern…
Kein Wunder, dass man versucht einen guten Eindruck zu machen.
Nur wenige Kilometer später das nächste Kraftwerk mit angegliederter Forschungsstation und „Todesstreifen“.
Wir radeln am Donnerstag noch bis Avignon, als wir beschließen, dass wir eine Pause brauchen. Ich stecke in einer Krise und spiele mit dem Gedanken abzubrechen. Wir steigen aber erstmal in einen Zug und fahren ans Meer. Dort treffen wir Florestan.
Er studiert „all about water“ für seinen Master in Montpellier. Wir erzählen ihm über unser Projekt und er erzählt über seine Studien. Er erzählte, dass er für verschiedene NGOs (z.B. Ingenieure ohne Grenzen) arbeitet und gearbeitet hat. Ihn störte an vielen Entwicklungshilfe Organisationen, dass sie immer an ihrem „europäischen Weg“ festhielten und sich nicht ausreichend auf die Gegebenheinten in den Ländern einstellen. Sie bieten „technical solution“ aber vergessen die sozialen Aspekte. Er plädierte auch bei den Wasserproblemen in Frankreich mehr auf ein integriertes Managment zu setzen- also auch die Bedürfnisse der verschiedenen Beteiligten (im Bereich Wasser sind das hauptsächlich Landwirtschaft, Industrie und Bürger) zu beachten. Ein weiterer interessanter Punkt war, dass der Weinbau, da das verwendetete Wasser sehr stark verschutzt werde. Nach zu kurzer Zeit stieg er in Montpellier aus und unser interessantes Gespräch wurde unterbrochen.

Am Montag treffen wir uns in Toulouse mit Matze, also haben wir zwei Tage am Mittelmeer. Mein Entschluss abzubrechen kristalisiert sich heraus und ich fange an mich von der Tour zu verabschieden und meine Rückreise zu planen. Dummerweise ist das jetzt sehr kurzfristig und so werde ich klimaunfreundlich mit dem Flugzeug und meinem schlechten Gewissen reisen. Es wird mir wohl nie jemand glaubhaft erklären können, warum es (mich kurzfristig und nicht die Menschheit) mehr als doppelt so viel kosten würde einen Zug zu nehmen.
| Kurz vor Genf bis zur Rhone |
| von: jakobvoerckel am 06. September 2009, 22:23
 Der erste Abschnitt ist getan- Wir haben die Alpen überquert und unser erstes Interview geführt. Wir haben „den Klimaflüchtling“ noch nicht gefunden aber ein Puzzleteil ist eingesammelt. Radgefahren sind wir fast nicht, aber das kommt in Frankreich noch genug.
Wir haben Sonntag den 30.8. Wir genießen unseren zweiten Ruhetag in vollen Zügen. Der Genfer See läd zusammen mit strahlendem Sonnenschein zum baden ein, schattige Plätze zum Entspannen. Wir sind 50 Kilometer vor Genf. Morgen früh treffen wir uns mit Gerry und so radeln wir bis kurz vor Genf wo wir auf einem Campingplatz bleiben. Dort treffen wir einen älteren Herrn der sich für die schwer bepackten Fährräder interessiert. Als wir ihm von dem Ziel unserer Tour erzählen erklärt er uns, dass es keine anthropogenen Klimawandel gebe. Die Veränderungen in der Intensität der Sonneneinstrahlung seien für den aktuellen Temperaturanstieg verantwortlich. „Es hat schon immer wärmere und kältere Phasen gegeben und wir befinden uns auf dem Weg in eine Wärmere“. Die alte Mär ist noch immer nicht aus den Köpfen verschwunden Wir diskutieren noch eine Weile und einigen uns darauf, dass man schon in den Schulen anfangen sollte die Leuten Umweltbewusstsein nachezubringen. Wobei wir klarstellen müssen, dass das mangelnde Umweltbewusstsein zwar auch in Ländern der 3. Welt gefördert werden sollte; die 1. Welt aber einen unvergleichbar größeren Ressourcenverbrauch hat und sich „an die eigene Nase fassen“ muss. Den Abend lassen wir mit einem weiteren Bad im See ausklingen.
 In den Weinbergen am Genfer See
Auf einem Prachtoulevard gesäumt von herrschaftlichen Villen und begleitet von klimakillenden Luxuslimusinen fahren wir ein in die Stadt ein, als *knack* eine Speiche in meinem Hinterrad bricht. Nicht weiter tragisch, aber den Rest der Strecke zum Sitz der NGO „Human Rights Watch“ wird geschoben. Zum Glück ist das nicht mehr weit und so sitzen wir bald mit Gerry Thomson in einem kleinen Café und führen unser erstes Interview.
Human Rights Watch ist eine NGO, die sich für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzt. Sie arbeitet an vielen Fronten, unter anderem mit Flüchtlingen. Gerry ist einer der Mitarbeiter in diesem Bereich. Er erklärte uns viele grundlegende Probleme zu unserem Thema. So hat eine Person genau dann den rechtlichen Status eines Flüchtlings, wenn sie nach der Flüchtlingskonvention von 1951 als solcher erfasst wird. Das bedeutet sie wird staatlich verfolgt wegen Rasse, Religion, politischer Meinung, Nationalität oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe , oder der Staat scheitert daran, eine solche Verfolgung zu verhindern. Flüchtlinge sind mit einigen Rechten ausgestattet, die ihnen in jedem UNO Mitgliedsland gewährt werden sollten.
Außerdem muss man noch IDPs, Migrant Workers und Economic Refugees von ihnen unterscheiden. Erstere sind „Flüchtlinge“ innerhalb eines Landes, Migrant Workers sind Menschen die auswandern um Arbeit zu finden. Für die ersten drei Gruppen gibt es gesetzliche Bestimmungen. Die Gruppe der Economic Refugees beschreibt auch Klimaflüchtlinge. Diese Gruppe befindet sich in einem rechtlichen Niemandsland.
Der „Klimaflüchtling“ ist also per Definition kein Flüchtling- zumindest nicht mit der aktuellen Flüchtlingskonvention. Und vermutlich wird sich daran auch nichts ändern. Das aktuelle Flüchtlingsrecht kann nicht mit den riesigen Menschenmassen klarkommen, die der Klimawandel in Bewegung bringen wird und die Politik wird sich nicht darauf einigen können, diese Massen auf die bewohnbaren Landstriche zu verteilen. Die Dimensionen des Problems (nach Expertenschätziungen bis zu 200 Milllionen Klimaflüchtlinge in 2050, im Vergleich- heute gibt es 20 Millionen „reguläre“ Flüchtlinge) zeigt aber, dass akuter Handlungsbedarf besteht. Aus meiner Sicht, ist es jedoch nicht das Flüchtlingsrecht, sondern viel mehr über eine bessere Entwicklungpolitik der Ansatzpunkt.
Dafür spricht auch, dass in aller Regel kein singulärer Grund für Fluchtbewegungen zu finden ist. Zum Beispiel das Zusammentreffen von Misernten auf Grund von Klimaveränderungen und mangelnder politischer Intervention um die entstehenden Konflikte zu lösen. Es sollten also in den stark betroffenen Ländern Strukturen geschaffen werden, die die Klimaveränderungen auffangen und den Massenexodus aufhalten.
Die politischen Entscheidungen der letzten Jahre deuten auf einen dritten- noch schlechteren -Weg hin. Es wird eine Festung um Europa gebaut, die das Flüchtlings- und Migrantenproblem aus den EU Grenzen outsourct. Dabei wird weder das Problem angegangen , noch auf Menschenrechte geachtet. Das hinterlässt bei mir ein großes Gefühl der Hilflosigkeit.
(Leider waren wir in Gedanken so beim Interview, dass wir vergessen haben das Foto zu machen, das an dieser Stelle stehen sollte)
Wir verlassen Genf mit reparierter Speiche und dem Kopf voll neuer Information die erst noch verarbeitet werden muss. Es hat sich gezeigt, dass unser Projekt noch viel größer ist, als wir zunächst angenommen haben. Gerry konnte uns auf viele unserer vorbereiteten Fragen nur antworten- „das ist zu allgemein“ oder „da könnte ich tagelang drüber reden“. Andererseits haben wir einen wertvollen Baustein für die weitere Arbeit erhalten und einen höchst interessanten Einblick in die Welt eines NGO- Arbeiters.
Aus Genf folgen wir der Rhone, die wir für die nächsten Tage nicht verlassen wollen. Es ist beeindruckend wie sich die Natur verändert hat, als wir die Alpen verlassen haben. In den hohen Lagen gibt es nur Weidewirtschaft. In den Tälern kommt ein wenig Ackerbau dazu, der am Genfer See in Weinberge überging. Es wird immer wärmer und trockener. In den Tälern kommen Obstgärten hinzu.
 Schweitzer Obstgarten mit den Netzen
In der Schweitz übrigens oft mit feinen Netzten überspannt. Ich frage mich ob das eine Reaktion auf die häufig gewordenen Hagelereignisse ist. Eine kleine Folge von Erderwärmung?
| Von Basel nach Morges |
| von: Christoph Grober am 30. August 2009, 14:02
 Die ersten Tage der Radtour sind vorüber, die ersten Kilometer gefahren und die ersten Berge überwunden. Unser Weg führte uns von Basel in Richtung Genf entlang der „Route 7“ durch das Jura-Gebiet. Die Routenplaner waren bemüht die schönsten Wege und Punkte des Gebietes einzubinden. Nur lagen diese häufig an höheren Orten mit steilen Zufahrten. Mit Gepäck nicht unbedingt nur spaßig. „Training“ für die späteren Strecken, so sehen wir das und hoffen, dass die Beine dann etwas weniger weh tun werden.
Außerdem sind wir immer noch froh tatsächlich losgekommen zu sein. Die Radplätze für den Zug nach Basel waren schon lange reserviert, als wir einen Tag vor der Abfahrt bemerkten, dass etwas mit der Federgabel eines Rades nicht stimmte. Also den Aufbruch verschieben, zum Fahrradladen fahren und hoffen. Ergebnis: Die Federgabel musste ausgetauscht werden. Das war allerdings nicht so einfach, weil sie ein besonderes Format hatte. Mit der Hilfe eines freundlichen BIKEMAX-Mitarbeiters fanden wir dann auch einen passenden Ersatz. Der musste allerdings bestellt werden.
Mittels UPS-24-Stunden-Service und Umbauten im Expresstempo saßen wir dann tatsächlich am Dienstag, den 25. 8. im Zug Richtung Basel. Vorher hatten wir allerdings zwei Züge verpasst, mit denen wir eigentlich fahren wollten. So kamen wir auch erst um 21.00 in Basel an.
 Ankunft in Basel
Als wir dann um ein Uhr unser Zelt aufgeschlagen hatten, war die Reiseaufregung der Erschöpfung gewichen.
Die folgenden Tage waren wie eine in sich abgeschlossene Reise. Am ersten richtigen Radfahrtag gab es strahlenden Sonnenschein und eine schöne historische Altstadt bis zum Nachmittag und dann 500 Meter Steigung auf neun Kilometer und sinnflutartiger Regen und Gewitter abends. Als wir dann erschöpft und ziemlich nass dem Gipfel entgegenschoben, riss die Wolkendecke auf. Plötzlich wieder Sonnenschein.
 Jakob nach Gewitter und Steigung
Als wir dann auch noch einen Zeltplatz fanden, von dem wir sogar den Sonnenuntergang beobachten konnten, waren wir mehr als zufrieden. Man ist erfüllt von dem Gefühl, tatsächlich etwa etwas geleistet zu haben. Vor allem als studentischer Kopfarbeitsmensch vergegenwärtigt man sich noch einmal die Tagesroute. „Da war ich, das habe ich heute geschafft“, denke ich dann zumindest immer. Und so ein kleines Stück auf einer Karte scheint auf einmal unglaublich viel bedeutender, als eine Hausarbeit oder sonstiger „theoretischer Unikrams“.
Abends, im Zelt mit warmer Mahlzeit, musste ich an eine Schweizerin denken, die wir getroffen hatten. Vivien, eine freundliche ältere Dame, hatten wir um Wasser gebeten. Dieses gab sie uns gerne, allerdings „nur“ Quellwasser, wie sie betonte. Während wir Zwetschgen aus ihrem Garten aßen, kamen wir ins Gespräch. Sie wohnte seit über zehn Jahren in ihrem Haus, dass zwar „direkt an der Straße, aber trotzdem ruhig ist“. Unser Vorhaben bis nach Marokko zu fahren kommentierte sie mit einem leicht ungläubigen Kopfschütteln und meinte, dass das nichts für sie wäre. Wahrscheinlich hielt sie uns für leicht verrückte Jugendliche mit zu viel Abenteuerlust.Das ist sicherlich nicht ganz falsch.
Als wir sie auf den Klimawandel und mögliche Veränderungen bei in ihrer Umgebung ansprachen, wusste sie sofort zu berichten. Ja, das merke man schon, sagte sie. Vor allem gäbe es mehr Extremwetterereignisse, wie zum Beispiel Hagel, starke Regenfälle und auch längere Trockenperioden. Dies deckte sich mit meinen Erwartungen. Ich hatte im Zug nach Basel einen Teil des Bericht „Klimaveränderungen und die Schweiz 2050“ gelesen, in dem genau das verhergesagt wurde. Dennoch würde nach diesem Bericht die Schweiz bei einem „moderaten“ Temperaturanstieg von zwei bis drei Grad zunächst eher zu den „Gewinnern“ des Klimawandels zählen. Dies würde sich allerdings bei einem weiteren Anstieg der Temperaturen umkehren.
Grundlegende Veränderungen für die Schweiz wird es allerdings vor allem für den Wintertourismus geben. Kurz gefasst, weniger Schnee und Gletscher vor allem auf niedriger gelegenen Gebieten. Vivien hatte dazu allerdings eine andere Sichtweise, sie berichtete von mehr Schnee in den letzten Jahren. Als sie dann noch von ihrer Ansicht berichtete, dass „ Grönland und Afrika bald grün und die Schweiz bald Wüste sein wird“, war ich entgültig verwirrt.
 Gutes Wetter-Gute Laune
Der Klimawandel ist kompliziert, dachte ich und die Meinungen der Menschen dazu auch. Verschiedene Progosen vermischen sich mit Überzeugungen und was wirklich passiert wissen wir erst in hundert Jahren. Ob nun Wüste in der Schweiz oder Afrika, positiv werden die Folgen auf jeden Fall nicht. Da bin ich mir sicher.
Auch am nächsten Tag wurde uns Wetterextremmäßig einiges geboten. Zunächst Wind. Wind ist an sich etwas Schönes. Man kann damit zum Beispiel Drachen steigen lassen. (Außerdem kühlt er, wenn die Sonne stark scheint, was zur Erfrischung aber leider auch zu Sonnenbrand führt…) Gegenwind und Fahrräder mit Gepäck vertragen sich allerdings nicht so gut. Außerdem macht Gegenwind steile Berge noch etwas steiler. „Training“, muss man sich da vergegenwärtigen. Ein sehr zu empfehlendes Mantra für die Berge.
Als wir auf einem dieser Berge, dem Mont Soleil (1248 m) angekommen waren, konnten wir die wirklich positiven Auswirkungen von viel Wind und Sonne betrachten. Neben einer herrlichen Aussicht gabe es nämlich sowohl Windräder, als auch ein Sonnenkraftwerk auf diesem Berg. Das schien mir sehr vernünftig. Das wirklich überraschende war allerdings ein etwas verblichenes Schild am Straßenrand, direkt vor einem Windrad. Es zeigte die Skirouten der Region an. Eine ging direkt über den Mont Soleil. Ein Blick auf das Datum der Karte brachte uns Aufschluss: 10/97. Das dort heute noch Ski gefahren wird, konnten wir uns in der brütendenden Sommerhitze nicht wirklich vorstellen. Die Karte wirkte eher wie ein surrealer Rückblick auf eine längst vergangene Zeit, von der einem nur noch die Großeltern erzählen.
 Mont Soleil- links die Skigebietskarte, rechts die Energieanlagen
Freitag, der 28.8., war ein Tag mit Höhen und Tiefen. Zum ersten Mal hatten wir es tatsächlich geschafft eine lange Steigung (erkennbar durch ein „Warnschild“ x Meter in x Kilometern) komplett hinaufzufahren, ohne abzusteigen! Jakob vorneweg, ich hinterher; langsam aber stetig. Das klingt natürlich banal, ist aber sehr gut für das Selbstbewusstsein. Aufstieg vom Radschieber zum Radfahrer!
 Bei steilen Strecken muss man auch mal schieben
Auch die zweite längere Steigung schafften wir so und waren auf einmal am höchsten Punkt mit Aussicht auf den Lac Leman (an dem auch Genf liegt). Ein unglaubliches Gefühl und viele Wünsche, die in meinem Kopf hochstiegen: Wasser! Baden! Dreck entfernen! Höchstmotivert fuhren wir die lange Abfahrt herunter.
Danach begann das Problem. Kein passender Schlafplatz weit und breit. Radeln parallel zu einer Autobahn mit ziemlich wenig Energie. Langsam wurde es dunkel und die Stimmung sank. Kurz vor totaler Dunkelheit und Erschöpfung fanden wir dann doch noch eine Stelle, aßen schnell etwas und fielen ins Bett. Normalerweise liege ich noch etwas wach, döse und denke vor mich hin. Diesmal nicht.
Der nächste Tag war mehr als eine Entschädigung. Wir trafen einen radtourbewanderten Einheimischen, der uns einen direkten Weg zum Lac Leman zeigte. Gerne verzichteten wir auf weitere Steigungen („18%, da kommt ihr mit Gepäck nie hoch“, wie der Mann sagte) und schöne Aussichtspunkte, die sich die Routenplaner überlegt hatten. In zwei Stunden waren wir in Morges am See und suchten uns dort einen Campingplatz. Dann wuschen wir unsere Sachen, badeten und vor allem duschten wir. Die Zivilisation bietet auf jeden Fall auch ihre Vorteile.
Langsam begreife ich, was vor uns liegt. Wir werden noch über einen Monat unterwegs sein. Vor allem die nächsten Tage werden spannend. Wir wollen am Montag in Genf ein Interview mit einem Mitarbeiter von “Human Rights Watch” führen. Danach wollen wir in knapp acht Tagen etwa 1000 Kilometer nach Toulouse fahren, wo Matze zu uns stoßen wird. Machbar? Machbar!
| Eine Radtour mit Hindernissen |
| von: Christoph Grober am 23. August 2009, 23:43
“Drei Studenten, 3000 Kilometer nach Marokko und die Frage, wie weit es zu einer verantwortungsvollen Klimapolitik ist”. Das war die Pressemitteilung, die wir losschickten. Am nächsten Tag, Montag den 24.8, sollte unsere Radtour dann losgehen – eigentlich. Denn auch wenn man an alles gedacht hat, ist nicht alles kontrollierbar.
Freitag der 21.8, 13 Uhr. Das Handy klingelt. Möglichst unauffällig schleiche ich aus dem Seminarraum. Es ist Jakob, schon wieder. Jakob hat das Pech, dass er in der letzten Woche vor unserer Radtour als Einziger in Marburg ist. Dementsprechend muss er alles, was wir vorher nicht geschafft oder schlicht vergessen haben, erledigen. Viele Gespräche fingen daher mit Sätzen wie „Jakob, du musst übrigens noch…“ oder auch „Jakob, hast du schon…“ an. Währenddessen bin ich auf einem Seminar und Matze in Berlin. Die Fortschritte unserer Planung zeigen sich allerdings auch in den Telefongesprächen. Mehr und mehr enthalten die Gespräche Informationen über Dinge, die jetzt erledigt oder abgeholt sind. So auch dieses Mal. „Wir haben jetzt ein Aufnahmegerät für unsere Experteninterviews und gleich gehe ich noch das restliche Essen einkaufen, das uns fehlt“. So einfach kann das sein.
Die letzten Wochen vor der Radtour gingen schnell vorbei. Auf einmal beschäftigte man sich nicht mehr mit abstrakten Fragen zum Projekthintergrund, sondern mit essentiellen Dingen. Wie viele Paar Socken sollte ich einpacken? Wer hat einen Kocher? Und wo fahren wir jetzt eigentlich genau lang?
Die Stimmung schwankte zwischen erwartungsvollem „jetzt muss es aber endlich mal losgehen“ und unsicherem „ist das wirklich zu schaffen“. Eigentlich war es aber tatsächlich Zeit. Schließlich konnte ich mittlerweile sowohl Projekthintergrund, als auch Route inklusive Zwischenhalte und schlussendlich die langfristigen Ziele stotterfrei und im Halbschlaf aufsagen. Das wurde nur langsam etwas monoton, weil es jedes Mal der selbe Inhalt war. Erlebnisse und Anekdoten beschränkten sich auf Erläuterungen zu Fortschritten bei der Routenplanung, der Packlistenvervollständigung und der Sponsorengewinnung.
In diesen Punkten kamen wir allerdings mit großen Schritten voran. Die Route ist in ihren Grundzügen geplant.
 Route der Tour von Basel nach Gibraltar. Danke an www.fietsrouteplanner.eu für die Abbildung
Wir werden von Basel aus nach Genf radeln. Danach quer durch Frankreich und von dort über die Pyrenäen nach Spanien fahren. Nachdem wir Spanien mit den Hauptzwischenstops Madrid, Granada und El Ejido durchquert haben, wollen wir von Gibraltar nach Marokko übersetzen. Von dort führt uns die geplante Route von der spanischen Enklave Ceuta nach Tanger.
Auch beim Sponsoring hatten wir großes Glück und konnten Menschen und Unternehmen überzeugen, uns zu unterstützen. Und da Schleichwerbung sicherlich nicht nur im öffentlich-rechtlichen Bereich verpönt ist, lieber in aller Offenheit: Vielen Dank an VAUDE und BIKEMAX Marburg und alle anderen Sponsoren und UnterstützerInnen. Ohne eure/ihre großzügige Hilfe wäre das Projekt in dieser Form nicht möglich gewesen. Und bevor jetzt eine preisverleihungswürdige Dankesrede und Aneinanderreihung von all diesen Personen und Institutionen erfolgt, sei hiermit auf unseren Hintergrundseite und die extra dafür geschaffene Rubrik verwiesen.
 Jakob wie an Weihnachten- das Paket von VAUDE wird ausgepackt
Vom Organisieren zum Missionieren
Vor diesem Organisationsaufwand vergisst man manchmal beinahe die Hintergründe der Radtour. Statt Klimawandel hat man eher die zu vervollständigende Packliste im Kopf. Nur manchmal wird man aus dem Trott der Notwendigkeiten herausgerissen. Als ich mir beim Friseur eine radtourkompatible Kurzhaarfrisur schneiden ließ kam ich mit der Dame, die mir die Haare schnitt, ins Gespräch.
Nachdem wir im Schnelldurchgang geklärt hatten, was ich mache („studieren“), wo ich dies täte („in Marburg“) und ob mir das Studium gefalle („manchmal“), kamen wir schnell zum Urlaubsthema und damit zu der Radtour. Sie war begeistert und sagte, dass sie „es total gut findet, wenn Leute Zeit haben, etwas für den Klimaschutz zu tun“. Sie selber hätte dazu leider keine Zeit, fügte sie hinzu. Und nach einer kurzen Pause folgte: „Und ich habe ja auch ein Auto. Mit meinem Kind geht das auch nicht ohne“. Obwohl sie dies in einer grundsympatischen und offenen Art und Weise sagte, fühlte ich mich angegriffen und in Frage gestellt. Gedanken schossen mir durch den Kopf. Engagiere ich mich etwa nur im Umweltschutz, weil ich zuviel Zeit habe? Hatte die Friseurin wirklich keine Zeit? Konnte man nicht auch mit einem Kind kein Auto haben?
Bei all dieser Selbstverteidigung entging mir das Wichtigste. Diese Frau hatte mich sowohl für mein Engagement gelobt, als auch die Sinnhaftigkeit dessen akzeptiert. Zudem war sie sich der Tatsache, dass Autofahren schlecht für das Klima ist, durchaus bewusst. Statt mich mit eingebildeten Angriffen zu beschäftigen, hätte ich lieber über ihre Möglichkeiten, etwas gegen den Klimawandel zu tun, nachdenken und reden sollen. Und auch die Frage, was für eine Welt sie sich für ihr Kind wünschte fiel mir erst im Nachhinein ein. Als ich das alles realisierte waren es schon zu spät: Die Haare waren fertig geschnitten und ich stand vor der Tür.
So machte ich mich von einem „viel Erfolg auf der Reise“ begleitet auf den Heimweg und war unzufrieden mit mir. Wenigstens waren meine Haare kurz und pflegeleicht. Und überhaupt, wer will denn schon Öko-Missionar sein? Also ich nicht. Zumindest nicht beim Friseur, da sieht man nämlich sein Spiegelbild und so auch die eigenen Fehler ganz genau. Weggucken ist schwer möglich. Schnell folgt ein „den Kopf etwas weiter nach rechts, bitte“. Höchstens die Augen könnte man schließen, traue ich mich aber nicht. Friseurbesuche sind anscheinend eine gute Kur für zu viel Selbstgefälligkeit. Zumindest für mich. Vielleicht fühle ich mich dort desshalb immer etwas unwohl.
Sonntag, der 23.8, 12.00. Ein Tag wie jeder andere. Nur eine Sache ist anders, heute kommt die Vorbereitung zu einem Ende. Montag Morgen soll es endlich losgehen. Jetzt alles zusammenpacken und ordentlich in Radtaschen und Anhänger verstauen. Zwischendurch dann noch schnell unser neues VAUDE-Zelt in Matzes Garten aufbauen, damit es wirklich keine Überraschungen gibt. Die gibt es aber doch. Die Federung meines Fahrrades „schlägt durch“. Wir sitzen bei schönsten Wetter in Matzes Garten; das Zelt ist schnell aufgebaut. Sogar pressetaugliche Fotos mit Zelt und gesponsortem Material haben wir gemacht. Nur eine Lösung für mein Fahrrad finden wir nicht. Viel Sonnenschein, wenig Federgabelfachwissen, keine Ersatzteile und kein offener Radladen weil Sonntag. Also Radtourbeginn um einen Tag verschieben und am Montag zum Radladen. „Wird schon alles klappen“ und „besser hier, als in den Pyrenäen“, darauf haben wir uns geeinigt. Außerdem können wir jetzt schon eine Anekdote jenseits von Packlisten erzählen.
| Mit dem Fahrrad nach Marokko |
| von: Christoph Grober am 05. August 2009, 14:02
 Anthropogener Klimawandel. Ein abstrakter Begriff mit vielen Gesichtern. Ob Artensterben, Wüstenbildung oder schmelzende Polkappen, stets scheint er eine Rolle zu spielen. Und eigentlich sind sich alle einig: Es muss etwas getan werden. Auf internationalen Konferenzen werden neueste Prognosen diskutiert und Abkommen verhandelt, die das Fortschreiten der Klimaveränderungen bremsen und langfristig aufhalten sollen. Es wird lautstark diskutiert, viel gepokert und manchmal fließen sogar Tränen. Die Medien berichten begeistert.
Viele grundlegende Tatsachen rücken bei diesem Spektakel leider in den Hintergrund. Zum Beispiel, dass der Klimawandel nicht nur ein zukünftiges Unheil ist, das verhindert werden muss. Klimawandel passiert hier und jetzt! Und auch das häufig erwähnte „Zwei-Grad-Ziel“ ist kein Allheilmittel, sondern vielmehr ein Richtwert, bis zu dem die Folgen des Klimawandels beherrschbar scheinen. Veränderungen sind unausweichlich und Anpassungsmaßnahmen müssen durchgeführt werden.
Eine weitere Tatsache ist, dass der Klimawandel nicht losgelöst von der Menschheit geschieht und geschehen wird. Es geht hier nicht nur um Eisbären – auch wenn diese zugegebenermaßen niedlich und auf jeden Fall schützenswert sind. Auch Menschen sind betroffen. Ihnen wird der Wohnort durch Klimaveränderungen geraubt, grundlegende Ressourcen wie Wasser und Nahrung werden immer unereichbarer, soziale Konflikte werden verschärft.
Eine Konsequenz ist die Flucht vieler Menschen aus ihrer Heimat. Schon heute spricht man weltweit von zwanzig Millionen Klima- und Umweltflüchtlingen. Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts könnte sich diese Zahl auf bis zu 200 Millionen erhöhen.
Eine soziale Bombe mit enormer Sprengkraft.
Nicht umsonst sagte Klaus Töpfer, ehemaliger Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, dass „Umweltpolitik die Friedenspolitik der Zukunft ist”. Dennoch: Das Thema scheint weder in der breiten Öffentlichkeit, noch in der Politik Europas wirklich angekommen zu sein. Im Gegensatz zur Debatte um die CO2-Reduktion wird von Klimaflüchtlingen und unsere Verantwortung für diese kaum gesprochen.
Von den Fakten auf den Sattel
Wie lässt sich erklären, dass die sozialen Aspekte des Klimawandels im Allgemeinen und das ebenso symbolische, wie erschreckende Phänomen der Klimaflüchtlinge im speziellen weder in der Politik, noch nicht in der Öffentlichkeit angekommen sind? Was müsste getan werden?
Das waren auch die Fragen, die wir – Christoph Grober, Jakob Vörckel und Matthias Klaßen - uns gestellt haben und auf deren Grundlage unser Projekt Phantom Klimaflüchtling entstanden ist. Schnell kam uns die Idee, symbolisch die mögliche Route eines Klimaflüchtlings zu verfolgen und auf dem Weg mit Menschen und Experten über dieses Thema zu sprechen. Für das Fortbewegungsmittel Fahrrad haben wir uns entschieden, weil es klimafreundlich, sichtbar und ja, auch abenteuerlich und herausfordernd ist (ein Projekt darf ja auch Spaß machen).
Aus dieser Vision ein reales Projekt zu machen war dann schon eine andere Geschichte. Der ursprüngliche Plan, die Strecke in Marokko zu beginnen, verschwand etwa schnell von der Bildfläche. Wegen sommerlichen Höchsttemperaturen von über 40° in Marokko und Südspanien hätte das unsere Chancen tatsächlich in Marburg anzukommen sicherlich gesenkt. Außerdem mussten wir bei genauerer Routenplanung feststellen, dass unsere ursprünglich geplante Strecke in der verfügbaren Zeitspanne nur schwer realisierbar ist. Da wir weder die Kondition eines Tour de France Fahrers, noch seine Möglichkeiten zur Leistungssteigerung haben und zusätzlich noch unser Gepäck selber transportieren müssen, haben wir uns entschlossen, die tatsächliche Radstrecke zu verkürzen. Wir werden daher bis Basel mit dem Zug fahren und dort auf unsere Fahrräder steigen. So können wir sicher sein, dass wir tatsächlich Zeit für die restliche Strecke und die geplanten Gespräche, Begegnungen und Interviews vor Ort haben.
Die Zeit der Planung neigt sich langsam dem Ende zu. Sie war und ist gefüllt mit viel Organisatorischem, etlichen E-Mails, Finanzierungssorgen und nicht zuletzt mit Radfahrtraining. In knapp drei Wochen geht es los. Was auf uns zukommt, können wir noch nicht wirklich wissen. Ob wir Spaß haben werden? Wir hoffen es.
Eine Herausforderung und ein Erlebnis wird es sicherlich. Spätestens wenn uns nach einigen Tagen Beine und vielleicht auch der Hintern weh tut, fängt die Tour richtig an. Dann werden wir einfach weiter fahren und nebenbei den Klimawandel aufhalten, das ist zumindest meine aktuelle große Vision.
Ältere Artikel » |