.info-Award 2010 Gewinner des Deutschen Solarpreises 2009 Umwelt-Medienpreis 2008
Hier bloggen Klimaschützer in eigener Regie. - Zu den redaktionellen Inhalten gehts hier lang.
 
Ordnung im ChaosPrint This Post Artikel versenden
von: Ole Seidenberg am 04. November 2009, 18:03  

barc_09_11_4_2_348Die vergangenen zwei Tage seit meinem ersten Blog-Beitrag aus Barcelona waren nahezu erschlagend dicht gefüllt mit diversen Treffen, Kundgebungen, Aufs und Abs & Emotionen, weshalb ich die eintägige Sendepause dringend brauchte, um all das Erlebte zu verarbeiten und zusammenzufassen.

Angefangen bei der Verhandlungsblockade durch die Afrikanische Gruppe am Montag bis hin zu einem Treffen mit Yvo de Boer oder unserer Chef-Delegierten Nicole Wilke am Mittwoch nachmittag bot sich angesichts der geringen Dauer dieses Verhandlungsabschnitts ein reines Feuerwerk an Erlebnissen.

Aber der Reihe nach: Wie viele von Euch wissen, ist diese Woche in Barcelona die einzig verbleibende Verhandlungsrunde vor Kopenhagen. Da jegliche nationale wie internationale Klimakampagne auf Kopenhagen als großes Finale am Ende des Jahres fokussiert, besteht kein Zweifel an der Bedeutung dieser letzten Chance, den vorliegenden Text in eine in Kopenhagen verhandelbare Verhandlungsmasse zu reduzieren. Die Fragen jedoch, die sich seit Anbeginn des Prozesses in diesem Jahr rund um den Weg zu einem brauchbaren Ergebnis schüren, haben mehr als einmal ihre Richtung massiv geändert, vor allem aber hier in Barcelona.

“Wir haben keine Zeit” und “We need a legally binding treaty” waren die Kerninhalte der Kampagnen vergangener Wochen. Alles zielte darauf ab, dass wir in jedem Fall in Kopenhagen einen Abschluss benötigen, ganz gleich, auf welchem Weg. Doch auf einmal scheint alles anders, spätestens seit des Statements vom dänischen (Gastgeber in Kopenhagen!) Premier Rasmussen, ein “politisch bindendes Abkommen” (im Gegensatz zu einem juristisch bindenden Abkommen) würde zunächst genügen. Dafür verpassten wir ihm kurzerhand hier in Barcelona und daheim in Berlin den “Fossil of the Day Award”, wie Ihr hier im Video sehen könnt.

Doch nicht nur Anders Fogh Rasmussen, nein, selbst Yvo de Boer, Chef-Sekretär des UN-Sekretariats für Klimafragen (UNFCCC) und Michael Zummit Cutajar (Chair des Kernkommittees dieser Verhandlungen) stimmen seit einigen Tagen seltsam vertraut darin überein, ein legal bindendes und fertig ausgehandeltes Abkommen sei in Kopenhagen schlichtweg nicht mehr zu erwarten. De Boer wird dafür in der internationalen Presse massiv diskreditiert. Er würde frühzeitig aufgeben, heißt es aus einigen NGO-Reihen. Enttäuschung wurde laut, dass selbst der Chef keine Chance mehr sieht, bis zum Abschluss der Konferenz in Kopenhagen eine wirklich legal bindende Vereinbarung auf die Beine zu stellen – auch und gerade in unseren Reihen. Als Tracker sind wir angetreten, um unseren jeweiligen Ländern über die Schulter zu schauen und wo nötig laut aufzuschreien, wo immer auch destruktive Entscheidungen oder Verlautbarungen zu entdecken waren. Dass uns dabei ausgerechnet der Chef der ganzen Veranstaltung “in den Rücken fallen” würde kostet uns schließlich jede Menge Aktivisten-Energie…und nimmt die Motivation bzw. den Glauben an diesen Prozess.

Und doch hat alles wie immer zwei Seiten. Die Afrikaner stoppten am Montag den Verhandlungsprozess, um Druck auf Industrienationen auszuüben – und schon gestern gab es einen zunächst als sinnvoll anerkennbaren Kompromiss: Mehr Zeit soll zukünftig in den Verhandlungen der Frage nach konkreten Reduktionszielen gewidmet werden, um die reichen Länder nicht aus der Pflicht deutlicher Zugeständnisse zu entlassen. Diese haben inzwischen wohl erkannt, dass Afrika mehr ist als ein Bittsteller in diesen Verhandlungen.

Und auch Cutajar und de Boer erklärten ihre pessimistisch wirkenden Positionen gestern und heute ausführlich – und rückten sie damit zumindest teilweise in’s rechtere Licht.

Die Details bleiben mehr als komplex. Was genau ist überhaupt der Unterschied zwischen einem politisch und einem juristisch bindenden Abkommen, frage ich mich (und viele andere hier)? Denken wir zurück an Kyoto, wird klar: Wir hatten damals einen “legal text”, der 1997 – wohlgemerkt ohne die USA – verabschiedet wurde. Doch bis dieser auch nur annährend in Kraft getreten ist, verstrichen weitere 8 Jahre (!) – erst 2005 trat Kyoto genau genommen juristisch in Kraft. Schon damals war die Verhandlung ein Kraftakt. Doch wohlgemerkt ging es seinerzeit um nur 5% Emissionsreduktionen.

Heute wissen wir mehr über die Folgen des Klimawandels, allerdings reden wir auch über einen dementsprechend deutlicheren Wandel: Nicht 5% sind notwendig, sondern mindestens 40% Reduktionen bis 2020. Dass ein solch “ambitioniertes” Abkommen, wie wir alle es fordern und wollen, ohne die USA wohl kaum glaubhaft und wirkungsvoll sein kann, ist wohl zustimmungsfähig. Dass die USA dennoch auf Dauer keine Sonderrolle verdient haben, ist ebenso nachvollziehbar, denn hier geht es nicht um die nationale Sicherheit der USA. Hier geht es um unseren Planeten.

Bisher noch keine Kommentare »

Noch keine Kommentare.

Einen Kommentar hinterlassen

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Artikel. TrackBack-URL

Aktuelle Blogs

Durban ReiseblogNotprogramm bei klimaretter.info: Wir würden für Sie ja gern die spannende Welt der Klima- und Energiewende recherchieren. Und erklären. Leider fehlt uns dafür derzeit das Kleingeld. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wir rufen unseren Leserinnen und Lesern zu: Wir sind zu retten![mehr...]

1268pre_7b3732200e6a310“Moorburgtrasse stoppen”, “Unser Hamburg – Unser Netz”, “Tschüss Vattenfall” und jetzt auch noch: “Lesetage selber machen – Vattenfall Tschüss sagen”: In Hamburg ist derzeit in Sachen Energiepolitik so einiges los.[mehr...]

Werbung

Blogs zu den Klimakonferenzen

Durban ReiseblogKlimakonferenz in Durban, Süd-Afrika: Nick Reimer, Chefredakteur von klimaretter.info, hat sich auf den Weg gemacht. „Ich will mich Afrika auch mit meinem Gefühl nähern“, sagt er – und reist einen Teil der Strecke mit Zug, Bus, Matatu oder Tuktuk. [mehr...]

1268pre_7b3732200e6a310Vom 29. November bis zum 10. Dezember tagt in Mexiko die Weltklimadiplomatie. [mehr...]

blog-copenhagen_klMehr als 16.000 Diplomaten, Wissenschaftler, Lobbyisten und Umweltschützer
tummeln sich auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen. Wie das ist?   gesamten Blog lesen…

germanyDie UN verhandelt derzeit ein neues Klimaabkommen: Ole Seidenberger bleibt als “negotiator tracker” der deutschen Delegation auf den Fersen gesamten Blog lesen…

bonnDie nächste Verhandlungsrunde im Juni 2009 auf dem Weg zur COP 15 in Kopenhagen. Eindrücke aus der Welt der Klimadiplomatie gesamten Blog lesen…

posenMehr als 10.000 Diplomaten, Wissenschaftler, Lobbyisten und Klimaschützer tummeln sich Dezember 2008 auf der 14. UN-Weltklimakonferenz. Wie das ist? gesamten Blog lesen…

bali6.000 Diplomaten, Lobbyisten und Klimaschützer fliegen in Dezember 2007 zum Klima-Gipfel. Wie man mit dem Zug nach Bali kommt – Ein Reiseblog gesamten Blog lesen…
Klimaretter-Blogarchiv

eu blogDer Großteil unserer Umwelt- und Klimagesetze ist “made in Brüssel” [mehr...]

christianmihatsch-weimannEin kritischer Blick auf die internationale Klimapolitik: Die Wochenschau aus Bangkok [mehr...]

350orgZeit unseren Politikern zu zeigen, wie eine klimafreundliche Welt aussehen kann: Der Blog zum 10.10.2010 mit den besten Ideen gesamten Blog lesen…

nrw-klimatourNordrhein-Westfalen braucht ein Klimaschutzgesetz! Aktionstour durch elf Städte flankiert heiße Wahlkampfphase gesamten Blog lesen…

klimaradAuf zu den Klimaverhandlungen in Bonn! Studenten aus Potsdam nehmen dafür das Fahrrad. gesamten Blog lesen…

ausgestrahlt-anti-atom-5-sep-2009 In diesem Herbst fällt die Entscheidung um die Zukunft der Atomenergie in der Bundesrepublik. Vom 29. August bis 5. September trecken Bäuerinnen und Bauern aus dem Wendland von Gorleben nach Berlin. gesamten Blog lesen…

kettenreaktionMenschenkette Brunsbüttel-Hamburg-Krümmel, Umzingelung und Demo: Das Weblogbuch zu den großen Anti-Atom-Aktionen am 24. April gesamten Blog lesen…

vertretung_kleinDie Anti-Atom-Bewegung hat eine “ständige Vertretung” in der Hauptstadt bezogen und will die Koalitonsverhandlungen mit Aktionen begleiten gesamten Blog lesen…

Castor 2011: Live aus dem WendlandZum ersten Mal nach Fukushima rollt ein Castor nach Gorleben. In Frankreich waren die Proteste größer denn je, und auch im Wendland sind wieder zahlreiche Blockaden angekündigt. Hier bloggt das Pressebüro der Kampagne x-Tausendmal-quer. [mehr...]

breeseDer 12. Castor Transport nach Gorleben: Live aus dem Wendland [mehr...]

castorZum 11. Mal rollt im November 2008 der Castor-Transport: Freie Bahn hat er jedoch nicht – dafür sorgt die Anti-Atombewegung gesamten Blog lesen…

endlagersucheDie Bundestagswahl und der Atomausstieg:  Mit einem riesigen Castor-Transport auf Endlagersuche unterwegs quer durchs Land
gesamten Blog lesen…

tourneeZwei Wochen lang zieht der Kohlosaurus im Oktober 2008 durch Städte, in denen neue Kohlekraftwerke errichtet werden sollen. Da ist einiges los gesamten Blog lesen…

blog-introMit dem Fahrrad nach Marokko: Drei Marburger Studenten wollen dem „Phantom Klimaflüchtling“ auf einer 3.000 Kilometer langen Route auf den Grund gehen gesamten Blog lesen…

KlimaforumAlles muss man selber machen! BUND, Attac und Klimawelle Bonn bloggen zum Klimaforum rund um neue Strategien für den Klimaschutz gesamten Blog lesen…

protestzentraleDie Vorbereitungen zur Klimademo im September 2008 laufen auf Hochtouren. Und ehrlich: Jede Menge überraschungen sind inklusive gesamten Blog lesen…

kohlosaurusZum Endspurt des Volksbegehrens Keine neuen Tagebaue ist der Kohlosaurus im Januar 2009 auf Tour durch acht Städte Brandenburgs gesamten Blog lesen…

klimacampIm August 2008 trifft sich in der Hansestadt die deutsche Klimabewegung zum ersten Klimacamp. Ein Blick hinter die Kulissen gesamten Blog lesen…