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Ein Schritt vor, zwei zurückPrint This Post Artikel versenden
von: Ole Seidenberg am 06. November 2009, 14:24  

olenicoleinterviewEinige von Euch werden es mitbekommen haben: Noch vor wenigen Stunden konntet Ihr an dieser Stelle das Interview von mir mit unserer führenden Klimadiplomatin Nicole Wilke lesen. Leider mussten wir dieses nun löschen. Der Grund: Es gab von der Pressestelle des Bundesumweltministeriums leider keine Freigabe für das Video, demnach also auch nicht für die wörtliche Abschrift des Interviews. Durch eine Verzögerung bzw. ein Missverständnis in meiner Absprache mit den Klimarettern war das bereits fertig vorbereitete Interview dennoch online gelandet – und Ihr könnt nun live erleben, unter welchen Bedingungen wir Tracker vor Ort versuchen, Euch ein “Stückchen Wahrheit” zu vermitteln.


Transparenz und Diplomatie scheinen sich nachwievor zu beißen. Laut Bundesumweltministerium gab es angeblich keine inhaltlichen Gründe, mein Interview nicht freizugeben. Vielmehr seien die Neuwahlen, der neue Umweltminister und das damit einhergehende Vakuum an klaren Richtlinien dafür verantwortlich, dass unklar bleibe, was nun kommunizierbar ist und was nicht.

Dennoch ist mir natürlich klar, dass Frau Wilke im Interview einige Eckpunkte explizit angesprochen hat, die so deutlich andernorts bislang nicht kommuniziert wurden.

Ich zähle diese hier gerne noch einmal auf (ohne wörtliche Rede, ich gebe es also so wieder, wie ich es verstanden habe und übernehme dafür gerne die Verantwortung):

1)    Es geht bei dem Anerkennen der EU von einem Finanzbedarf von 22-50 Milliarden Euro für die Anpassung an den Klimawandel eindeutig um “neues” Geld. Es geht nicht um Geld, dass ohnehin schon da ist. Diese Diskussion war insbesondere hier in Barcelona im Nachgang der EU-Rats-Verkündung entbrannt, da unklar blieb, ob lediglich bereits für Entwicklungshilfe versprochene Gelder “umgewidmet” werden würden als Klimamogelpackung. Frau Wilke hat dies in unserem Interview klar verneint. Es geht also um neues Geld für die Bekämpfung des Klimawandels.
2)    Frau Wilke hat ferner deutlich gemacht, dass sie (ebenso wie die meisten NGOs vor Ort; Anmerkung O.S.) für ein verbindliches Abkommen eintritt, dessen Konsequenzen auch sofort nach Kopenhagen in der Praxis getragen und umgesetzt werden. Sie machte deutlich, dass wir bis zum Abschluss der Konferenz in Kopenhagen keinen “Rechtstext” sehen werden, dieser aber binnen rund sechs Monaten umzusetzen sei. Die politische Vereinbarung in Kopenhagen soll laut Wilke dafür den richtigen Rahmen liefern und so verbindlich formuliert sein, dass die darauf folgende Übersetzung in einen Rechtstext auch tatsächlich folgen muss.
3)    Frau Wilke hat klar formuliert, dass das nationale deutsche Reduktionsziel der neuen Koalition laut Koalitionsvertrag bei 40% bis 2020 liegt, also über dem derzeit kursierenden 30%-Ziel der EU.

Soweit zu den Eckpunkten. Gerade der erste und zweite Punkt mögen kritisch sein. Ich bin dennoch überzeugt, dass Frau Wilke hier die richtige Botschaft sendet und bin ihr dafür dankbar. Nochmal: Mir ist nach einiger Erfahrung im UN-Kontext klar, dass Diplomatie hin und wieder auch das zeitlich gut eingetaktete Zurückhalten von Informationen bedingt. Ich bin mir indes aber sicher, dass Frau Wilke, die ich vor dem Interview um Erlaubnis für ein Video-Interview bat, von allen hier  am erfahrendsten ist, wenn es darum geht, was wann gesagt werden kann und darf.

Ich bitte also um Verzeihung, dass das Interview zwischenzeitlich durchgerutscht war. Gleichzeitig aber danke ich Frau Wilke für die klaren Worte, denn genau diese brauchen wir jetzt dringend. Auch sie scheint erkannt zu haben: Für allzu viele taktische Züge bleibt uns allen einfach keine Zeit mehr. Wir sitzen alle im selben Boot.

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