Ich versuche, mich noch einmal an unseren naiv hoffnungsvollen Aufbruch zu Beginn des Projektes „Adopt a Negotiator“ zu erinnern. In Bonn war das, bei „Bonn 2“, Anfang Juni. Schon damals lag viel Verhandlungstext auf den Tischen der Abgeordneten, schon damals wirkten die vielen Klammern und Details, die es unter mehr als 190 Nationen auszufichten galt, wie ein schier undurchdringliches Entscheidungslabyrinth.
Und doch: Wir Aktivisten, jungen Klimainteressierten, aber auch unsere etwas älteren und erfahreneren NGO-Kollegen waren letztlich hoffnungsvoll. Hoffnungsvoll, dass ein Abkommen in Kopenhagen gelingen kann. Eine Vereinbarung, in der all das endlich in international und rechtlich bindende Form gegossen wird, was uns eigentlich schon seit Rio 1992, spätestens aber seit Bali 2007 nicht nur wisssenschaftlich klar ist, sondern auch von fast allen ausnahmslos anerkannt wurde. Spätestens seit 2007 und seit dem durschlagenden Erfolg der Al Gore Kampagne rund um den Film „An inconvenient truth“ ist das Thema Klimawandel – so sollte man meinen – nicht nur salonfähig, sondern den meisten auch zumindest präsent.
NGOs haben auf dem Weg bis heute alles gegeben. Von den klassischen Petitionen über die kreativsten Aktionen, angefangen bei dem Tauchgang der Regierung der Malediven bis hin zum internationalen Klimaaktionstag am 24.10.2009, der größten jemals stattfindenden weltweiten Mobilisierung aller Zeiten, mit mehr als 5000 Aktionen. Aber abgesehen vom einfallsreichen Aktivismus legten NGOs auch auf wissenschaftlicher Ebene vielfältige validierte Studien vor, die nicht nur die Notwendigkeit eines schnellen Handelns, sondern auch die ökonomische und technische Machbarkeit eines massiven Wandels hin zu „Low Carbon Societies“ aufzeigen konnten. Ja, gar einen rechtssprachlich ausformulierten Prototypen einer „Copenhagen Treaty“ erarbeitete ein Netzwerk von mehr als 80 NGOs, um zu zeigen, dass es nicht am Text inklusive aller Details scheitern muss, in Kopenhagen ein Abkommen zu erzielen.
Einzig: Die politische Machbarkeit oder vielmehr, der politische Wille scheint auch nach Barcelona nicht gegeben zu sein. Mein persönlicher Glaube an ein zufriedenstellendes Ergebnis in Kopenhagen hat sich binnen einer Woche auf einen Funken Resthoffnung minimiert. Einen Funken, der jederzeit wieder entflammbar ist und von meiner Überzeugung am Leben gehalten wird, dass es irgendwie gehen muss.
Vielleicht will ich aber auch einfach nicht daran glauben, dass kurzfristige politische Überlegungen wie die Rettung eines Auto-Konzerns und das mehrfache Querfinanzieren von Banker-Boni in unserer Welt tatsächlich wichtiger – nein, schlimmer noch: Politisch tragfähiger ist als die Sicherstellung einer lebenswürdigen Zukunft für uns alle. Aber ach, ich vergas: Zunächst betrifft es ja vor allem jene, die wir fast nur aus dem Urlaubsprospekt kennen: Small Island und Developing States. Fiji, die Malediven… Phuket und z.B. die Salomonen Inseln. Dann müssen wir den Flug inklusive weiterer Emissionen eben umbuchen. Das hat ja nach dem Tsunami 2004 auch ganz gut geklappt.
Gut, ich gebe zu, ich werde zynisch. Vielleicht mag das apokalyptische Vokabular auch überrieben wirken. Dennoch erinnert mich das Verhalten vieler Industrienationen an jenes eines Menschen bei der Konfrontation mit der Diagnose Krebs: Zunächst Unglaube und Verdrängung, dann Ärger und Schuldzuweisung an andere. Ich bin gespannt, wann die Phase Angst und dann vielleicht endlich Kampf und „konstrutiver Umgang“ mit dem Problem inklusive der Übernahme aller dazu gehöriger Verantwortung folgt.
Dass ich mit meinem Unverständnis und überstrapazierten Aktivisten-Seele nicht alleine bin, wird an der Youth Intervention in der Abschlussitzung in Barcelona deutlich, die Ihr im folgenden Video sehen könnt:
Selbstverständlich stehen hinter den Klimaverhandlungen weit mehr komplizierte Streitfragen, als diese hier in meiner stark simplifizierenden und polarisierenden Darstellung zur Geltung kommen. Da geht es zum Beispiel um REDD (Reduction Emissions from Deforestation and Forest Degradation) oder LULUCF (Land Use, Land-Use Change and Forrestry). Es geht um Fragen des Patentrechtes, wenn entwickelte Staaten wie bspw. auch Deutschland ihre technologischen Entwicklungen und Erfindungen kostengünstig oder kostenlos an Entwicklungsländer transferieren sollen, damit diese sich dem Klimawandel anpassen bzw. eine schwerindustrielle Entwicklung durch den Einsatz intelligenter Technologien überspringen können. Es geht nicht zuletzt auch um Wettbewerb und damit auch um den Schutz nationalstaatlicher Interessen bzw. jener Firmen, die im eigenen Land das Sagen haben (und die Steuereinnahmen bringen).
Die Klimadebatte ist inzwischen weit mehr als ein simples Gefangenendilemma, wie ich es in meiner ersten Soziologie-Vorlesung kennengelernt habe. Es ist mehr, als ein paar verschiedene Parteien unterschiedlicher Meinung, die alle am besten davon kämen, wenn sie doch nur kooperierten.
Es ist ein Dillemma auf mehreren Ebenen. Bezogen auf Deutschland etwa durfte ich in dieser Woche hautnah erleben, wie viele Stimmen im Wirrwarr der Meinungs- und Entscheidungsbildung eine Rolle spielen. Da gibt es zunächst Nicole Wilke, offiziell die Chefin der deutschen Delegation.
Doch dann gibt es da noch ein Team von rund 30 Leuten um Frau Wilke herum, die ebenfalls ihren Teil beitragen. Einige ebenfalls vom Bundesumweltministerium, andere aber vom Wirtschaftsministerium. Eine Kontaktperson erklärt mir: Die kommen mit, um auf die wirtschaftlichen Interessen zu achten, die hier berührt werden. Und auch das Finanzministerium schickt seine Leune mit. Die lauschen vor allem dann, wenn es um „Carbon Trading“, also um den Kohlenstoffmarkt und damit um mögliche Einnahmequellen für Deutschland geht. Aber auch, wenn Ausgaben, also die Zugeständnisse der deutschen Regierung an Entwicklungsländer, berührt werden. Das klingt geradezu so, als könne und müsse man diese Themen getrennt voneinander behandeln. Mal ganz abgesehen vom neuen Umweltminister Norbert Röttgen, der in der ganzen Klimadebatte genau genommen noch weniger Erfahrung hat als ich…
Uff. Und als ob das nicht genügen würde, hat die deutsche Delegation im Plenarsaal mit rund 190 Staaten während der ganzen Woche in etwa nur ein bis zweimal das Rederecht. Der Rest wird in Brüssel mit den anderen Mitgliedern der EU abgestimmt und letztlich von der EU-Präsidentschaft, in diesem Fall also Schweden, vorgetragen. Eines wird schon an dieser Stelle deutlich: Ein wirklich dynamisches Verhandeln und aufeinander Eingehen ist da kaum möglich.
Vielleicht, nein ziemlich sicher ist es hier auch ein Stück weit persönliche Enttäuschung und Frust, den ich mir von der Seele schreibe. Frust darüber, dass ich zwar mehr und mehr verstehe, damit aber auch mehr und mehr meine gutgläubige Ökooptimisten-Brille ablegen muss. Damit einher geht natürlich auch der Zweifel an meinem persönlichen Einfluss und meinen Möglichkeiten, hier etwas verändern zu können.
Inzwischen bin ich in Berlin angekommen. Im Café genießt neben mir jemand die Lektüre des Buches “The Art of interconnected thinking: Tools and concepts for a new approach to tackling complexity”. Vielleicht sollte ich davon mal 190 Kopien für Kopenhagen bestellen? Ich muss lächeln. Denn da ist er wieder, dieser Glaube. Der Glaube, dass es gehen muss. Und, dass es schaffbar ist, wenn das nur genug andere auch glauben. Und ich bin mir nach dieser Woche sicher, wir können das schaffen. Wir können uns Gehör verschaffen, mehr Gehör noch, als Finanzkrise und „böse Banker“ je wert waren. Wer, wenn nicht wir?

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